Opferfrauen und Tätermänner

Opferfrauen und Tätermänner

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Viele Männer können es nicht mehr hören: aus ihrer Sicht stilisieren sich die Frauen mit dem Aufzeigen von Ungerechtigkeiten zu Opfern und die Männer dadurch zu Gewinnern und Tätern.

Ja, die Welt kann so einfach sein!

Blöderweise ist die übliche Aufrechnerei wen es schlimmer getroffen hat, wer mehr leidet, wer die Schuld trägt und was an Ausgleich für einzelne Gruppierungen gefordert wird, nie ein echter Schritt aus dem Dilemma.

Männer wie Frauen leiden an der Dysbalance unserer Gesellschaft

Weil jedes System das in Dysbalance ist, auf ALLE Beteiligten Auswirkungen hat. Diejenigen die darunter leiden oder wütend sind, lassen es die anderen spüren. Jede Zuschreibung an eine Gruppierung bedeutet die gegenteiligen Zuschreibungen für die andere Seite.

Wenn Frauen benachteiligt werden, sind die Männer die Gewinner.

Wenn Frauen die Opfer sind, müssen die Männer die Täter sein.

 Wie entkommen wir diesem Kreislauf an Schuldzuweisen und Vorwürfen? Wie treten wir in einen ehrlichen Dialog der ein Miteinander und wirksame Veränderungen zum Ziel hat? 

Woher kommt die ganze Misere?

Klar, jeder weiß, vor langer Zeit waren die Rollenbilder von Mann und Frau deutlich unterschiedlich und es war ganz schön ungerecht.

Die folgende Aussage von Prof. Otto GIERKE (1841 – 1921), Jurist, Rechtshistoriker und Sozialpolitiker ist erst ca. 100 Jahre alt und illustriert das Thema auf anschauliche Weise:

„Weibliche Rechtsanwälte und Notare oder weibliche Richter oder weibliche Staatsanwälte oder weibliche Verwaltungsbeamte? Mit jedem Schritt vorwärts beträte man die abschüssige Bahn, auf der es kein Halt gib, bis die Austilgung des Unterschieds der Geschlechter im öffentlichen Recht erreicht ist. Wer dem geschichtlich bewährten Ideal des männlichen Staates die Treue hält, würde töricht handeln, wenn er ein Zugeständnis machte. Unsere Lage ist ernst. Das deutsche Volk hat anderes zu tun als gewagte Versuche mit Frauenstudium anzustellen. Sorgen wir vor allem, dass unsere Männer Männer bleiben. Es war stets ein Zeichen des Verfalls, wenn die Männlichkeit den Männern abhanden kam und ihre Zuflucht zu den Frauen nahm.“

Soweit und gut zur Bildung und Arbeitswelt. Was die Familie und Beziehungen betraf, sollte die Frau bis weit ins 20. Jahrhundert liebende Gattin und fürsorgliche Mutter sein. Die Erwartungen an den Mann betrafen die Ernährung der Familie und die Entscheidungshoheit über alle familiären Angelegenheiten, was die Kindererziehung betraf, hatte er nur am Rande lobend oder strafend einzugreifen.

Vor allem für die Frauen ein enges und einschränkendes Raster

Nur wenigen Frauen gelang es, diese Einschränkungen zu überwinden und die Muster zu durchbrechen.  Seit Beginn des letzten Jahrhunderts kämpfen Frauen um Gleichberechtigung. Im Gesetz ist sie seit vielen Jahren verankert. Seit Jahrzehnten gibt es unendlich viele Frauengruppen, Gremien zur Frauenförderung und Politik, Mädchenarbeit, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte und vieles mehr. Hier wird auf die Situation der Mädchen und Frauen geschaut, es werden Forderungen gestellt und umgesetzt.

Sind wir nicht endlich angekommen?

Realistisch betrachtet sah es bis vor kurzem so aus:

  • Leichtlohngruppen erlaubten, Frauen 20-30 % Lohnabschlag gegenüber Männern zu machen
  • verheiratete Frauen wurden bis 1976 gesetzlich zur Hausarbeit verpflichtet – sie brauchten die Genehmigung des Ehemannes zur Erwerbsarbeit – und waren zusätzlich zur Hausarbeit zur Erwerbsarbeit verpflichtet, wenn das Einkommen des Ehemannes nicht ausreichte
  • unverheiratete Mütter erhielten das Sorgerecht grundsätzlich nicht, weil sie an einer unsittlichen Handlung beteiligt waren (bis 1970)
  • und ebenso lange erhielten verlobte Frauen, deren Partner sie nach vollzogenem Beischlaf verließen, eine finanzielle Entschädigung.
  • Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar

Einige der Gesetzesänderungen sind noch nicht einmal 40 Jahre her. Rollenbilder, Traditionen und Werte ändern sich nicht zeitgleich mit neuen Gesetzen. Zumal nur ein Teil der Bevölkerung diese vertritt. Die Haltungen und geschlechtsspezifischen Erwartungen, die hinter den bisherigen Gesetzen standen, sind noch über viele Jahrzehnte wirksam, nehmen Einfluss auf unsere Beziehungen und die Gestaltung unserer Lebensentwürfe.

Frauen galten lange nur durch die Mutterschaft als vollwertige Frau und Kinder als ihr Lebenssinn. 

Auch heute noch imaginieren wir die Mutter als selbstlos Liebende, die sich in allen Belangen zurückstellt.

Die Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau und die Überhöhung und Idealisierung der Mutterschaft sind mit fatalen Folgen nachhaltig wirksam. Gleichzeitig ist der Status einer ‚Hausfrau‘ und Mutter auf den untersten Stufen der Erfolgshierarchie angesiedelt. Diese Situation grenzt an Schizophrenie und der Umgang damit entwickelt leider manchmal die entsprechenden Symptome.

Paare die auf Augenhöhe antreten, verlieren diese meist in dem Moment der beginnenden Elternschaft

Die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die ungeschriebenen Gesetze und Erwartungen der Arbeitswelt lassen es nur in den seltensten Fällen zu, dass beide Eltern zu gleichen Teilen für die Kinder und die Finanzierung der Familie sorgen. Sehr schnell geraten alle unter Druck und rutschen in Rollen, die sie sich nie hätten vorstellen können. Oder beide merken nach kurzer Zeit, dass ihre Beziehung sich durch diese Konstellation verändert – auch wenn sie sich freiwillig für diese Aufteilung entschieden haben.  Die Unzufriedenheit damit betrifft meist beide Seiten.

So korrumpiert das bisherige System alle Beteiligten und lässt sie als Verlierer zurück. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft gilt nur der etwas, der Erfolg hat. Sich dem zu entziehen ist nur schwer möglich. Wie man als Nur-Mutter behandelt und gesehen wird, habe ich erlebt. Es kann durchaus Anlass für Wut oder ein Ringen um Wertschätzung zur Folge haben.  Die Frau muss also eine gute Mutter sein. Auch deshalb nimmt der Wettbewerb unter Müttern um das intelligenteste, begabteste und bestgeförderte Kind manchmal groteske Ausmaße an.

Und die Auswirkungen auf die Väter?

Erst diese Woche sprach ich mit einem Vater, der sich liebevoll um sein Baby kümmert und dennoch die ganze Zeit das Gefühl hat, in den Augen seiner Frau alles falsch zu machen.

Er wäre gerne lange mit dem Kind zusammen und würde Elternzeit nehmen. Sein Gefühl der Ungerechtigkeit ist genauso stark und auch seine Wünsche und Bedürfnisse bleiben unerfüllt.

Wenn Partner und Eltern dann aus den verschiedensten Gründen scheitern, werden diese Unzufriedenheiten zu Geschossen. Die Verletzungen, unerfüllten Bedürfnisse und die mangelnde Anerkennung der eigenen Leistungen in diesem Konstrukt werden überdeutlich.

Die Mutter hat beruflich zurückgesteckt und sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert – ihre Karrierechancen sind deutlich geschmälert. Und selbst wenn sie keine Karriereambitionen hatte und gerne Zuhause ist, muss sie sich dafür rechtfertigen und ihre Hausfrauentätigkeit bleibt nicht anerkannt. Der Vater war dem Druck ausgesetzt genug zu verdienen um den Lebensstandard zu gewährleisten und hat deshalb auf viel Zeit mit seinen Kindern verzichtet. Die verlorene gemeinsame Zeit ist nicht mehr nachzuholen.

Die Folgen?

Ich möchte hier einen Mann zitieren, der uns folgendes geschrieben hat:

„Kann es sein, dass sich Männer unter Stress eher an materielle Sicherheiten klammern anstatt soziale Sicherheit zu suchen? Oder dass jeder, Mann wie Frau, sich in unsicheren Zeiten eher auf das zurückzieht, was ihm leichter fällt, anstatt mutig Neues zu wagen?
Leiden nicht viele darunter, dass sie alle Rollen zugleich ausfüllen sollen oder wollen?
Ausgehend davon, dass nach Trennungen mehr oder weniger bewusste Machtspiele stattfinden:

Wenn Männer mit Geld spielen, womit spielen dann Frauen?“

Was würde helfen? Forderungen nach Unterstützung für die eine oder andere Gruppe in finanzieller Hinsicht, Verbesserungen in der Kinderbetreuung, neue Gesetze zur Gleichberechtigung, Veränderung in den Firmenpolitik – alles gut und schön. Aber auch sehr kurz gegriffen und gedacht. Und wenn wir den Blick etwas weiten:

Wollen wir nicht eigentlich alle dasselbe?

Jeder halbwegs ’normale‘ Mensch (schon das normal müsste seitenlange Definitionen nach sich ziehen, ich würde im vorliegenden Fall um es abzukürzen ’normal‘ gerne mit der Mehrheit der Bevölkerung gleichsetzen) wünscht sich ein Leben mit Teilhabe. Teilhabe an der Gesellschaft und sinnvolle Aufgaben, in denen er sich selbstwirksam erlebt. Wir möchten  unser Potenzial entfalten und Zeit haben für uns, für die, die wir lieben, für das was uns erfüllt und Freude macht. Eine echte Veränderung und eine Befreiung von alten Rollenmustern wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Menschen in unserem Land.

Eigentlich wäre genau das möglich. Es ist genug für alle vorhanden. Jede und jeder könnte das Recht haben, in und von unserer Gesellschaft versorgt zu sein. Was er darüber hinaus für die Gesellschaft und sich tun möchte, steht ihm frei.

Ich bin sicher, dass nahezu alle Menschen die in einer Gesellschaft mit dieser Form der Angenommenheit und Wertschätzung aufwachsen, ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten möchten.

Bis dahin wäre ein großer Schritt, für Erziehende von Kindern zwischen ein bis drei Jahren ein Grundeinkommen einzuführen, Eltern steuerlich angemessen zu entlasten oder Familien umfangreich zu unterstützen.

Carmen


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