Heute ein Mann über das Mann-Sein im Interview

Heute ein Mann über das Mann-Sein im Interview

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Das Schlimmste am Mann-Sein finde ich, dass Schwäche schwer toleriert wird. Als Mann ecke ich fast immer dann an, wenn ich meine Schwäche offenbare: Wenn ich emotional bin und etwas anderes zeige als Wut oder strategisches Handeln oder Klarheit. Meine Erfahrung ist, dass man von Männern dafür getadelt wird und von Frauen verachtet.

Zuerst ist es immer toll:  Da ist ein Mann der Gefühle zeigen kann – aber wenn ‚Mann‘ Schwäche zeigt, folgt schnell das Etikett ‚Weichei‘

Das Tolle am Mann-Sein ist für mich, dass mir alles offen steht. Wenn ich mich von allem frei mache, kann ich alles tun, auf was ich Lust habe, ohne dass mich jemand bremsen wird oder aufhält. Ich habe erlebt, dass es von allen immer positiv bewertet wird, wenn ich voll in meine Kraft gehe. Dann heißt es: „Super! Der macht etwas. Der geht in die Verantwortung. Der ist frei sein Leben zu leben!“

Frauen stoßen dabei auf Widerstände. Ganz subjektiv ist es so – wenn sie in ihre Kraft gehen und ich kein absolutes Vertrauen zu der Frau habe, macht mir das Angst. So sehr, dass ich das Gefühl habe, ich muss mich ihr gegenüber ständig behaupten. Ich weiß aus meiner Arbeit mit Männern, dass das bei vielen so ist.

Für mich steht dahinter, dass es kein akzeptiertes Mittel gibt, mit dem sich Männer gegenüber Frauen wehren können

Ich kenne so viele Männer, die von Frauen tief verletzt wurden. Das Mittel, das uns als Männern dann zur Verfügung steht, um uns gegen Frauen zu wehren – die Wut – ist ein absolutes ‚No-Go‘. Es wird immer noch nicht wahrgenommen, dass ein natürlicher Zugang zur Wut etwas Produktives ist. Wut ist die innere Energie, die mich dazu bringt, meine inneren Grenzen nach außen zu verteidigen und „Stopp!“ zu sagen.  Wenn wir Männer in unsere Wut kommen, können wir Frauen wegbrüllen und das ist dann häusliche Gewalt.

Ein positiver Zugang zur eigenen Wut ist für Männer schwierig, weil er immer negativ konnotiert wird. Wut steht immer für Gewalt und Aggression. Für mich bedeutet Wut im positiven Sinne mich zu fokussieren, ein Ziel vor Augen zu haben, meine Kraft positiv dafür einzusetzen und es mit Klarheit zu verfolgen. Es ist möglich, die Wut zu nutzen und in etwas Konstruktives umzuwandeln.

Die negativen Aspekte sind Sadismus, Grausamkeit, Übergriffigkeit oder Opfer-Sein – als masochistischer Teil.

Ich glaube, dass das etwas Zentrales ist.

Wenn ich mich als Mann dann schwach zeige und sage: „Du verletzt mich gerade.“ bin ich in der schwächeren Position und werde dafür gedemütigt. Wenn ich in die stärkere Position gehe und sage: „Geh mir von der Pelle – du kotzt mich an!“ dann bin ich übergriffig.

Eine Opferposition bei einer Frau macht mich machtlos

Frauen haben verschiedene Möglichkeiten Männer zu entmannen. In die Opferrolle zu gehen, ist eine davon.

Schwierig als Mann finde ich auch die Zeit der Schwangerschaft und die Geburt.

Da stecken so viele ‚heilige Kühe‘ darin. Zum Beispiel, wenn eine Frau schwanger ist, dann ist sie unantastbar. Ich kann nicht mehr mit ihr streiten und mich auseinandersetzen. Das ist plötzlich wie Krankheit: Die Frau ist schwach und muss geschont werden.

Als Mann darfst du während der Schwangerschaft nicht schwach sein, du musst das alles (aus-)halten. Und danach eigentlich auch. Das finde ich anstrengend und bin damit auch überfordert.

Eine andere heilige Kuh: dass eine Frau, die nicht natürlich gebärt oder nicht problemlos stillen kann, sich als Frau zweiter Klasse fühlen muss.

Als Mann rutscht man automatisch in die Versorgerrolle – ob man will oder nicht. Man hat keine Chance etwas anderes zu sein.

Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt.

Einerseits habe ich mir das natürlich ausgesucht, das ist ein familiäres und gesellschaftliches Muster. Ich mache das sehr gerne – freiwillig und als Geschenk. Wenn es aber ein ‚Muss‘ wird und eine Pflicht ist und zusätzlich nicht gewürdigt und wertgeschätzt wird, ist es etwas ganz anderes. Das habe ich von vielen Männern gehört. Ich würde mir wünschen, dass ‚Mann‘ darauf vorbereitet wird und dass er weiß, was ihn erwartet.

Ich hatte es mir wunderschön vorgestellt, dass gemeinsam zu erleben und am Schluss hatte ich das Gefühl, ich mache alles falsch

Wenn ich all das Erlebte und Gehörte zusammenfasse, ergibt es das Bild, dass Frauen sehr viel mehr hin- und herschwanken – ein Bild vom Meer habe ich da und dass Männer sehr viel härter und felsenhaft sind.

Die Frauen sagen: „Männer ihr seid ja so emotionslos.“

Die Männer sagen: „Frauen – ihr sagt heute so und morgen so.“

Ein Bild von Meer und Fels. Es gefällt mir nicht, aber ich habe noch kein anderes gefunden, dass es mehr trifft. Das zu akzeptieren und gegenseitig zu begleiten, scheint unsere Aufgabe zu sein.

 In meiner Arbeit mit Männern habe ich erlebt, dass wenn wir uns untereinander in unserer Schwäche zeigen, annehmen und unterstützen, alle miteinander auftanken und danach sehr viel mehr in unsere Kraft gehen können.

Im großen Kontext – wenn bei unseren Feiern die Frauen dabei sind  – honorieren sie es, wenn Männer so starke Emotionen und Schwäche zeigen und sind angerührt von ihrer Verletzlichkeit. In Beziehungen erlebe ich das in meinem Umfeld und bei mir nicht, da ist männliche Schwäche unerwünscht. Ich denke dahinter steckt auch ein grosses Bedürfnis nach Sicherheit.

Ich habe aber auch den Wunsch nach einer starken Partnerin. Einer, bei der ich auch mal schwach sein kann und mich anlehnen. Aber da ist die Angst, dass sie dann einen Schritt zurückgeht und sagt: Spinnst du?“

 Ich wünsche mir eine starke Frau in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig unsere dunklen Seiten zeigen und uns auch den Spiegel von diesen Schattenseiten vorhalten.  Wenn das Männer untereinander machen, hauen sie sich das schon mal um die Ohren und danach gehen sie zusammen ein Bier trinken. Wenn ich das mit Frauen mache, muss ich Angst haben, dass sie mich dann links liegen lassen. Deshalb ist die Angst vor starken Frauen, die ich benannt habe natürlich keine Angst vor der Stärke an sich, sondern die Angst vor dem Spiegel und dem was dann passiert.

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass alle Aspekte meines männlichen Seins anerkannt und gewürdigt werden würden: auch meine Schwäche,  dass ich etwas nicht kann, dass ich nicht perfekt bin.

Und umgekehrt genauso.

Wenn ich an Frauen denke, würde ich mir wünschen, dass sie auch dafür gewürdigt werden, dass sie stark sind, dass sie nach vorn gehen, dass sie in ihre Kraft kommen.

Ich wünsche mir, dass das möglich wird, ohne dass wir unsere geschlechtliche Seele dafür aufgeben müssen.

Wenn eine Frau stark ist, ist sie oft im negativen Sinne heftiger als ein Mann, wenn ein Mann schwach ist, ist er oft ein größeres Opfer als eine Frau. Ich würde mir wünschen, dass das ‚eben‘ ist, dass wir so sein dürfen, wie wir wirklich sind.


4 Gedanken zu “Heute ein Mann über das Mann-Sein im Interview

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