„Und dann muss ich den Baum ficken.“ Teil II

„Und dann muss ich den Baum ficken.“ Teil II

Mit diesem abstrusen Satz fing die ganze Geschichte an (siehe Artikel unter Standpunkte).

angry

Ein paar Wochen später: 16 Jungen und mein Kollege – 12 Mädchen und ich – wir sitzen uns auf dem Boden gegenüber.

Alle sind etwas aufgeregt – die Mädchen mehr als die Jungs. Aber nur, weil sie ja noch nicht so genau wissen, was auf sie zukommt!

Mein Kollege hat ihnen nur gesagt, dass die Mädchen mit ihnen reden möchten.

Wir sind in der siebten Einheit und in den vergangenen Wochen habe ich neben vielen Übungen die Mädchen auf das Gespräch vorbereitet.

Wir haben ihre Gefühle von Wut und Ohnmacht angeschaut, die sie ergreifen, wenn die Jungen sie auffordern, den ‚Baum zu ficken‘ und die Hilflosigkeit angesichts der Selbstverständlichkeit mit der die Jungen in der Pause den Ball und das Tor für sich okkupieren. Ich habe mit ihnen überlegt, welche Ziele das Gespräch haben soll, welche Art der Gesprächsführung dafür förderlich ist und welche Äußerungen kontraproduktiv sein könnten.

Den Mädchen ist – zumindest theoretisch – klar was passieren kann, wenn sie den Jungs ihre Gefühle beim Gespräch ungefiltert um die Ohren hauen.

Deutlich sortiert haben wir ihren Anteil am Geschehen und was sie für sich verändern können, auch in Bezug auf ihren Umgang mit den Jungs.

Ich habe lange mit ihnen über die guten Momente in der Klasse gesprochen: was sie an den Jungen schätzen und wo sie die Gemeinschaft, das Zusammensein und Spielen schön finden.

Für die Probleme habe ich mit ihnen Lösungsvorschläge gesammelt.

Die Mädchen konnten in unseren Stunden eine innere Haltung finden, die für ein gelingendes Beziehungsgespräch nötig ist. Ob sie diese heute für sich halten können? Ich weiß ja, dass auch wir Erwachsene schnell alle Gelassenheit hemmungslos über Bord werfen, wenn uns unsere Gefühle übermannen und dem anderen dann alles vor die Füße knallen, was uns verärgert und verletzt hat.

Und so sitze ich mit klopfendem Herzen und äußerlich zuversichtlichem und aufmunterndem Lächeln da als die Jungs einmarschieren.

Und dann geht es los.

Die Mädchen trauen sich die Jungs direkt anzusprechen und genau zu benennen, was sie stört.

Dann passiert was ich befürchtet habe. Die lange aufgestaute Wut bricht durch und die Jungs bekommen einiges an Ärger um die Ohren gehauen.

Versuche gleich darauf zu antworten, unterbindet mein Kollege. Es ist abgemacht, dass die Jungs zuerst alles anhören und dann ebenfalls ungestört antworten können. Die Mädchen kommen immer mehr in Fahrt. Ich versuche an der einen oder anderen Stelle zusammenzufassen, habe aber auch das Gefühl, dass die Mädchen diese Entlastung brauchen. Als sie mit ihrem Ärger und den Wünschen nach Veränderung fertig sind, herrscht Stille. Ich frage ganz vorsichtig nach, ob sie den Jungs auch noch sagen möchten, was sie gut finden. Nach gefühlt mehreren Minuten verlegenem Schweigen, kommt das erste Kompliment. Zögerlich das zweite und schließlich hagelt es nette Rückmeldungen.

„Ihr seid oft nett zu uns.“

„Mit euch kann man richtig lachen.“

Die Jungs sind zuerst sichtlich erstaunt, dann erfreut und schließlich bemühen sie sich, die Freude an den Komplimenten nicht zu deutlich werden zu lassen. Es könnte ja uncool sein …

„Du hast mich gestern getröstet, als ich hingefallen bin.“

„Du bringst mir immer die Hausaufgaben, wenn ich krank bin.“

„Du erzählst tolle Witze.“

„Ihr macht tollen Quatsch.“

„Ohne euch wär es langweilig.“

„Ihr helft uns, wenn andere uns ärgern.“

„Ihr seid mutig.“

„Ihr seid stark.“

Als die Mädchen fertig sind würden die Jungs gerne loslegen. Meine Kollege bremst sie, grinst mich an und meint, wir müssen das erst mal besprechen und die geballte Mannschaft spaziert aus dem Raum.

Die Mädchen sind erleichtert, gelöst, lachen, springen und kichern – begeistert über ihren Mut und dass sie endlich Gelegenheit hatten, alles anzusprechen.

Nach mehreren Minuten ausgelassener Begeisterung wird es langsam stiller.

„Und wenn die Jungs gar nichts Nettes zu uns sagen?“

fragt S. besorgt? Die Frage lässt die ganze Stimmung kippen.

„Ja, das wär blöd. wo wir doch so viele Komplimente gemacht haben.“

Jetzt sind die Mädchen richtig nervös. Wie wird das wohl werden, wenn die Jungs jetzt sauer sind? Wir müssen fast 20 Minuten warten und ich bespreche mit den Mädchen ihre Sorgen und Bedenken und welche Möglichkeiten sie haben, zu reagieren, um gut aus dem Gespräch gehen zu können.

Dann marschieren mein Kollege mit den Jungs wieder herein. Wir sitzen uns wieder gegenüber und die Jungs legen los.

„Ihr wollt doch immer mit uns Wahrheit oder Pflicht spielen.“

„Ihr könnt ja ’nein‘ sagen.“

„Ihr  wollt bei dem Spiel immer von uns wissen, in wen wir verliebt sind.“

„Wir wollen auch allein Fußball spielen. „

„Wenn ihr mitspielt, können wir nicht so hart schießen.“

„Ihr seid manchmal ganz schön zickig.“

„Manche heulen immer gleich los.“

„Ihr ärgert uns und wenn wir uns wehren, rennt ihr immer gleich zur Lehrerin und beschwert euch und wir kriegen den Ärger.“

„Ihr kichert so albern rum, das nervt.“

Die Jungs sagen, was sie ärgert und frustriert, bleiben aber gut bei sich und scheinen weit weniger Ärger zu empfinden als die Mädchen.

Ganz schön spannend ist das.

Weil sie sich in der stärkeren Position fühlen?

Oder weil sie ihren Frust und Ärger und damit Verletzungen nicht so offen zeigen wollen?

Der ganz andere Umgang mit Konflikten ist auch im letzten Interview mit den vier starken Jungs deutlich geworden (siehe unten und Interviews).

Für mich gibt es zwei Hauptkomponenten für diesen unterschiedlichen Umgang.

Ich erlebe bei meinen Trainings immer wieder, dass Mädchen sich sehr viel stärker im Vergleich erleben als die Jungen. Sie sind in der Folge bemühter sich anzupassen, während die Jungen sich mehr Freiheiten nehmen auch gegen Regeln zu verstoßen.

Dies ist sicher mit ein Grund, dass die Mädchen sich durch Kritik stärker verunsichern lassen. In der Folge nehmen und ziehen sie sich dann zurück.

Gleichzeitig gibt es viele Verhaltensweisen, die Jungen für sich als peinlich und damit ‚beschämend ‚empfinden. 

Weil Beschämung aber so schwierig auszuhalten ist, gehen sie dann in die Aggression und nehmen lieber die ‚Schuld‘ an einem Kampf auf sich, als vor den Augen der anderen Schwäche zu zeigen.

Die traditionellen Rollenbilder lassen grüßen!

Die Mädchen würden sehr gerne reagieren, aber jetzt müssen sie still sein und zuhören.

Und dann wird es still. Oh man! Hoffentlich sagen die Jungs noch was Nettes! Ich sitze wie auf Nadeln und hoffe so sehr, dass die Mädchen noch gute Rückmeldungen bekommen.

Mein Kollege fragt die Jungs, ob sie fertig sind. Sie drucksen ein bisschen herum – es kommt kein ‚ja‘. wir warten. Und dann traut sich der Erste etwas Nettes zu sagen und der Bann ist gebrochen. Die Jungs bekommen richtig Spaß an der Sache und es ist unglaublich, was ihnen alles ein- und auffällt.

Die Mädchen strahlen, freuen sich und entspannen zunehmend.

Dann sind wir soweit und können in dieser Atmosphäre Vorschläge sammeln, wie sie in ihrer Klasse manches in Zukunft regeln möchten. Es ist sehr konstruktiv und die Lösungsvorschläge sind realistisch und umsetzbar. Manche Konfliktpunkte werden bleiben.

Dafür entsteht bei allen die Erkenntnis, dass manche Bedürfnisse kollidieren und deshalb mal die einen oder anderen zurückstecken müssen.

Die Jungen verabschieden sich nach dem Gespräch und ich mache mit den Mädchen einen Abschluss mit viel Lob für ihren Mut und der Hoffnung, dass sie für sich Bleibendes mitnehmen.

Carmen

friedly


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