Erziehung im Spannungsfeld von Gender, Feminismus und Rollenklischees

Erziehung im Spannungsfeld von Gender, Feminismus und Rollenklischees

Auto-Gen

Teil 1 Auf der Suche nach dem Auto-Gen

„Aua!“ ruft mein kleiner Sohn zurzeit ständig. Nein, er hat sich nicht etwa wehgetan oder ist besorgt aufgrund möglicher lauernder Gefahren in der Nachbarschaft…. „Aua“ heißt Auto. Wo immer wir gehen und stehen, mein Kleiner entdeckt mit seinem Scannerblick innerhalb von Sekundenbruchteilen jedes Fahrzeug, ob stehend oder in Bewegung. Sehr schnell erweitert hat sich sein Sprachschatz auch auf „Buh“ = Bus, „Dtodto“ = Motorrad und „Ana“ = Anhänger. Lediglich „Baba“ hat er noch nicht so richtig für sich ausdefiniert, es gilt sowohl für Bagger als auch für Traktor.

Die größte Begeisterung legt er aber eindeutig für Motorräder an den Tag. Bevor er überhaupt laufen konnte versuchte er bereits, die stehenden Modelle zu erklettern. Fährt ein besonders großes Motorrad an uns vorbei, ruft er voller Ehrfurcht mit der tiefsten Stimme die sein kleiner Körper hergibt: „Dtodto!!“. Bei kleineren Ausführungen, wie etwa Vespas verändert sich die Stimmlage und „Dtodto“ wird etwas höher und feiner ausgerufen.

So wandeln wir also zurzeit in völlig unterschiedlichen Welten, mein kleiner Sohn und ich. Während ich den blühenden und knospenden Frühling in jeder Ecke entdecke ohne allerdings je nach Blütengröße die Pflanzennamen laut oder leise auszurufen – obwohl es da ein schönes Spektrum gäbe, zwischen einem zart hinausgehauchten „Vergissmeinnicht“ und einem tiefen Bariton für die „Tulpe“ – macht mein Sohn mich ständig darauf aufmerksam was alles so auf Rädern herumsteht oder – rollt. Da meine Tochter dies definitiv nicht so praktiziert hat stellt sich mir die Frage:

Ist meine geschlechterneutrale Erziehung gescheitert? Gibt es doch ein Auto-Gen?

Auf der Suche nach dieser für mich vorläufig als geschlechterspezifisch identifizierten Faszination kramte ich zunächst sehr unwissenschaftlich im eigenen Hirn und stieß auf die Steinzeittheorie: Motor = Lärm = „ich muss den brüllenden Bären bezwingen“, so ungefähr lautete eine erste Herleitung, die ich mir bastelte. Schnell musste ich diese Idee jedoch verwerfen. Die Begeisterung meines Sohnes beschränkt sich nämlich nicht nur auf motorisiertes Rollen – letztens kam auch „Fawa“ für Fahrrad hinzu, was mich übrigens vor allem aus ökologischer Sicht zu innerlichem Jubel veranlasste. Im Zusammenhang mit der ebenfalls großen Begeisterung meines Sohnes für Bälle folgerte ich: Wenn es nicht die Motorisierung ist, dann also das Rollen bzw. das Rollpotential?

Aber auch das Rad musste ja nun erst erfunden werden und liegt nicht seit Anbeginn der Menschheit in den (männlichen) Genen!

Was also dann? Die Wissenschaft liefert zu diesem Thema bisher uneinheitliche, wie ich finde noch unbefriedigende Forschungsergebnisse:

Eine Theorie lautet, dass Kinder sich im Alter meines Sohnes (17 bis 21 Monate) ihres Geschlechts bewusst werden und sich dementsprechende Vorbilder suchen. Das kann ich zumindest für meinen Sohn ausschließen. Dazu ist er definitiv noch zu klein. Ich glaube zwar, dass er die meisten erwachsenen (!) Männer und Frauen unterscheiden kann, nicht jedoch, dass er bei Kindern bereits unterscheidet, ganz zu schweigen davon, dass er sich selbst bereits in eine dieser beiden Kategorien einordnet, auch nicht unbewusst.

Bei der zweiten Theorie, die mir etwas plausibler wenngleich jedoch unvollständig erscheint, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Prinzip der Bestätigung maßgeblich die Interessen der Kinder beeinflusst, sprich: Jungs die sich mit „Jungenspielzeug“ beschäftigen, bekommen dafür mehr positive Aufmerksamkeit, als wenn sie sich mit „Mädchenspielzeug“ beschäftigen. Andersrum gelte das ebenso für Mädchen.

Für alle, die jetzt die entscheidende Frage an die Mutter eines Geschwisterpärchens stellen, hier die Antwort:

Ja, meine Tochter hatte auch Spielzeugautos im Kleinkindalter! Und sie hat diese jeweils einmal vor- und zurückgerollt, gemerkt dass das funktioniert und damit war das Thema dann erledigt!

Bei näherer Selbstinquisition muss ich aber zugeben: Ich habe meine Tochter nicht enthusiastisch ermutigt wenn sie mal ein Spielzeugauto in der Hand hatte. Aber meinen Sohn ebenso wenig, was vielleicht einfach daran liegen könnte dass ICH mich nicht besonders für Autos interessiere? Für Bälle allerdings schon und da habe ich mich an meiner Tochter vergeblich abgearbeitet: Sie kam, sah, rollte und …….. winkte ab; während ihr kleiner Bruder – seit er vor kurzem laufen kann – hinter jedem Ball sehr ausdauernd her wackelt, ihn immer wieder aufhebt, fallen lässt und weiter wackelt.

Doch zurück zur Wissenschaft: Mehrjährige Untersuchungen an Affen, bei denen die männlichen Affenjungen sich ebenfalls stärker für „Jungenspielsachen“ interessierten, während die Weibchen die Puppen bevorzugten, bzw. Stöcke als Puppen benutzten, sprechen – Überraschung! – für entsprechende veranlagte Präferenzen. Die Entwicklungspsychologin Brenda Todd bestätigt diese These aufbauend auf Beobachtungen, die sie an über 100 Babys und Kleinkindern durchführte. Sie vermutet, dass die Dosis der Androgene dafür verantwortlich ist, wer sich für mechanisches „Jungenspielzeug“ und wer sich für Puppen inklusive soziale Rollenspiele interessiert. Zuspruch findet diese These auch durch Untersuchungen an Mädchen, die mit einer sogenannten kongenitalen adrenalen Hyperplasie geboren wurden und im Laufe ihrer Kindheit verstärkt „männliche Interessen“ zeigten. Soweit so gut. Eine gänzlich befriedigende Erklärung lieferte mir das aber auch nicht für die Faszination Fahrzeug meines männlichen Ablegers.

Kein „Auto -“ sondern ein spezifisches „Vortriebsbewegungsgen“! Also doch Steinzeit?

Ein bisschen näher kam ich der Sache dann allerdings durch die Evolutionsbiologin Joyce Benenson, die an der Harvard Universität forscht und lehrt. Sie hat mit einem gezielten und gut vergleichbaren Test ausschließlich Babys im Alter von sechs bis neun Monaten untersucht, die also noch nicht besonders rollenspezifisch erzogen sein konnten: Den Babys wurden gleichzeitig auf zwei Bildschirmen verschiedene Aktivitäten mit einem Luftballon gezeigt. Beobachtet hat Benenson, dass männliche Babys sich erstens sehr viel mehr für impulsive BEWEGUNGEN, inbesondere Vortriebsbewegungen interessierten (sie schauten viel mehr und häufiger auf den Bildschirm auf dem solche Bewegungen mit dem Luftballon vollführt wurden)  und dass sie auch einheitlich dazu neigten diese Bewegungen genau so nachzuahmen. Die weiblichen Babys zeigten dagegen sehr unterschiedliche Reaktionen. Das Rollen oder Fahren, sowie das Prellen eines Balles, inklusive der genauen und klaren Bewegungsausführung interessiert schon männliche Babys durchschnittlich wesentlich mehr als das unspezifische Wiegen oder Streicheln eines Luftballons. Bei den Mädchen war das Interessensspektrum deutlich größer und uneinheitlicher.

Ich habe nun also eine halbwegs befriedigende Erklärung für das „Auto-Gen“ meines Sohnes gefunden. Rollen verbessert natürlich den klaren Bewegungsvortrieb, das leuchtet mir ein. Klar ist für mich: Ich möchte mich dieser Leidenschaft weder entgegenstellen noch ausschließlich diese fördern. Neben der Werbung sind es der Psychologin Margaret Snow zufolge oft gerade die Väter, die bereits ihren 12-Monate alten Babys sehr geschlechterspezifisches Spielzeug in die Hand drücken. Auch keine Überraschung, aber noch einmal vergegenwärtigungswert: Psychologen am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München widersprechen den unterschiedlichen angeborenen Tendenzen nicht, sagen aber:

Beide Geschlechter profitieren kognitiv und sozial davon, sich mit Spielzeugen zu beschäftigen, die stereotyp dem anderen Geschlecht zugeordnet werden.

Offen bleiben heißt die Devise. Wir sind nicht gleich, dürfen uns aber für Gleiches interessieren und gleichen Interessen nachgehen.

Unser Frühlingsgarten ist momentan der gemeinsame Nenner meiner Kinder und mir. Tiere, Erde, Pflanzen – und: Ja, auch ein Bobby Car auf der Terrasse.

Anja

 


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