Auslaufmodell

Auslaufmodell

folgender Artikel der Stuttgarter Zeitung überraschte mich an einem wunderschönen Samstagmorgen, als ich gerade an meinem Cappuccino nippte:

pavlovic

Und ich schrieb den erste Leserbrief meines Lebens auf den ich tatsächlich umgehend Antwort erhielt, die ich nicht unkommentiert stehen lassen konnte:

Sehr geehrter Herr P., sehr geehrte Damen und  Herren,

… schon komisch. Da ist die Intention des Peter Lindbergh im neuen Pirelli-Kalender starke Frauen aller Altersgruppen in wunderbares Licht zu tauchen. Erotik, die Persönlichkeit zeigt und ein Blick, der beweist, dass für eine erotische Ausstrahlung das Alter keine Rolle spielen muss. Und nein, keine Wollust – wie ihn “klassische Kalenderfans” jetzt “im Bauernkalender” und bei “duftenden Wunderbäumen” suchen müssen.

Das kann man persönlich unterschiedlich beurteilen. Allerdings gehört ein gehöriges Maß an Selbstherrlichkeit und Frauenverachtung dazu, um großartige Frauen wie Julianne Moore (56), Kate Winslet (41), Lupita Nyong’o (33), Charlotte Rampling (70) und Nicole Kidman (49) als „Auslaufmodelle amerikanischer Bauart, Youngtimer mit Wartungsstau, bei denen der Lack ab ist“ zu bezeichnen.

Fassungslos macht die Passage „Starke Frauen, Feuillitonisten und Knutschkugelfahrer finden diese Verfallsspuren sexy“.

Alle Frauen begegnen mit zunehmendem Älterwerden diesen Abwertungen. Sichtbares Älterwerden ist leider meist ein ausreichender Grund, dass unsere Gesellschaft – und in diesem Fall die Redaktion der Stuttgarter Zeitung – toleriert, dass Männer wie Tomo Pavlovic sie diskreditieren und als „Auslaufmodell“ bezeichnen.

In dieser Haltung steckt nicht nur der Gedanke, dass ältere Frauen jegliche Erotik und Attraktivität einbüßen, sondern es diskreditiert und reduziert die Ausstrahlung  und Wirkung der Frauen ausschließlich auf den Altersaspekt.

Dass ein Satirebeitrag in der Tageszeitung mit diesem Grad an Verachtung und auf Kosten von  Frauen möglich ist, sagt viel über diesen Journalisten und die Verantwortlichen in der Reaktion dieser Zeitung aus.

 Mit freundlichen Grüßen

 

Sehr geehrte Frau S.,

herzlichen Dank für Ihre Reaktion auf meine Glosse, die – das will ich betonen – eine satirische ist. Es tut mir leid, wenn Sie „fassungslos“ sind. Satire darf nicht alles, das weiß ich. Und vor allem darf ein Journalist und Redakteur keine Frauen verunglimpfen. Doch das habe ich auch nicht getan, oder besser, es war nicht meine Absicht. Im Gegenteil. Worüber ich mich lustig gemacht habe? Große, von mir zum Teil hochverehrte Schauspielerinnen und Künstlerinnen, die eine semipornografische Plattform benützen, um eine gute PR zu haben. Haben diese Frauen das nötig? Ich glaube nicht. Um ehrlich zu sein: Ich selbst war fassungslos. Julianne Moore im Pirelli-Kalender! Unglaublich. Starke Frauen haben es nicht nötig, sich in diesem Umfeld zu präsentieren. Das hat weder etwas mit Aufklärung noch mit Emanzipation zu tun. Der Pirelli-Kalender ist seit mehr als einem halben Jahrhundert eine hochglänzende Schmuddelpublikation des automobilen Merchandising, zahllose Nacktmodels und Starlets haben sich für diverse Fotografen ausgezogen. Das wird dadurch nicht geadelt, dass Frau Kidman nun eine verletzliche Pose einnimmt. Welche Funktion hat diese Aktion? Ist es nicht verwerflich, sich als Frau genau dort zu zeigen, wo demnächst – wahrscheinlich im kommenden Jahr – schon wieder frauenfeindliche Klischees bedient werden, die man sich kaum vorstellen mag. Hätten männliche Schauspieler ähnliches getan, niemand hätte protestiert, da bin ich mir sicher. Ich habe lediglich versucht, die Sprache der Autofetischisten zu imitieren und zu verlachen. Dass Ihnen mein Text missfallen hat, ist natürlich nicht schön. Aber ich bin mir sicher, dass Sie meine Argumentation nun besser verstehen.

Es grüßt Sie ganz herzlich, T. P.

 

Sehr geehrter Herr P.,

vielen Dank für Ihre ausführliche Rückmeldung.

Ihre Absicht, so, wie sie sie beschreiben, wurde für mich in Ihrer Satire leider nicht deutlich. Eine grundsätzliche Kritik am Pirelli-Kalender habe ich herausgelesen. Ihre Rückmeldung, dass es ein kritisches Hinschauen auf die aktuelle Produktion ist, die sich möglicherweise vom Vorwurf –  sämtliche Klischees des Sexismus bedient zu haben –  ‚reinwaschen‘ will und dafür in Frauen Erfüllungsgehilfen findet, die eigentlich genau für die entgegengesetzten Werte dieses Kalenders stehen, kann ich in der Satire nicht finden.

Das liegt sicher daran, dass Sie vor allem auf den Aspekt abheben, dass diese Frauen wegen ihres Alters „Auslaufmodelle“ sind und nicht auf den Punkt, dass erfolgreiche Frauen – Ihrer Ansicht nach – Gewinn und PR aus frauenfeindlichen Engagements ziehen. Unter diesen Frauen gab es durchaus junge Weltstars – dennoch haben sie sich einzig darauf beschränkt, Frauen jede Attraktivität und Erotik abzusprechen, wenn sie älter werden. Dazu war die Satire eindeutig nicht aus Sicht eines Pirelli-Kalender-Fans geschrieben.

Eigentlich hätte es dann auch eine Kritik an Peter Lindbergh sein müssen, der schon mehrere Kalender fotografiert hat und sich dieses Mal für eine andere Sichtweise entschieden hat. Nachdem es Jahrzehnte lang sehr wohl Grund gegeben hätte den Kalender aufgrund seines platten Sexismus zu kritisieren, haben Sie den Moment gewählt, in dem der Kalender die Frauen zum ersten Mal in ihrer Persönlichkeit und in einer Bandbreite der Altersgruppen wahrnimmt. Und ihre Kritik zielt dann nahezu ausschließlich auf die älteren Frauen.

Egal aus welchem Grund – jeder Schritt auf diesem Weg bedeutet eine veränderte Wahrnehmung in der Bevölkerung in Bezug auf das Altern von Frauen.

Carmen


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