Ertappt: Mindesthaltbarkeitsdatum

Ertappt: Mindesthaltbarkeitsdatum

In einem Second-Hand-Laden habe ich im letzten Frühjahr ein wunderschönes nostalgisches Retrooutfit aus Frottee (!) erworben. Es ist vom Stil her weder aufreizend noch anzüglich, die Oberfläche des Kleidungsstückes beträgt jedoch insgesamt maximal einen m².

Letzten Sommer lag dieses Lieblingsstück nur in meinem Kleidungsschrank. Jedes Mal beim Öffnen des Kleiderschrankes streichelte ich es liebevoll während ich zu mir selber sagte: „So was Knappes kann ich nicht anziehen, das sieht ja aus als sei ich in der Midlife-Crisis und hätte es nochmal so richtig nötig“….

Dieses Jahr bin ich endgültig in der Midlife-Crisis angekommen. Ich habe es nicht – wie die wundervolle Anja Rützel in ihrem Artikel „Let`s roll“ beschreibt – geschafft, dem Jugendwahn ein Schnippchen zu schlagen und in dem kippeligen Lebensabschnitt, in dem man beginnt, weder „noch jung“ noch „schon alt“ zu sein, stoisch straight in den Rentnerlifestyle samt cremefarbener Bügelfaltenhose zu wechseln.  Ich bin eine der Mittdreißigerinnen, die es nochmal nötig haben und es wissen wollen, eine derjenigen, die ich früher mitleidig belächelte von wegen:

Mindesthaltbarkeitsdatum 2

Diesen Sommer ziehe ich mein Nostalgie-Retrooutfit an, mit dem Hintergedanken: Wer weiß wie lange ich es noch tragen kann! Jetzt oder nie! Dabei habe ich immerhin zwei Erkenntnisse gewonnen:

Erstens: Sei demütig, demütig, demütig und nochmals demütig. Wir Frauen sind uns oft selbst die größten Feinde wenn es um äußerliche Beurteilungen geht, die eigene oder die der anderen. Da hab ich mir doch eben erst im Strandurlaub noch gedacht (ohne es zu wollen, wirklich!!!): „Eigentlich müssten die Männer die Bikinihöschen und die Frauen die Badeshorts tragen, einfach aufgrund der Beschaffenheit, die das Oberschenkelfleisch ungerechterweise im Laufe der Zeit so annimmt“…………  Ich schwöre hiermit hoch und heilig nie wieder auch nur ansatzweise etwas Derartiges zu denken! Diesen Teil meiner Gehirnfestplatte habe ich neu formatiert und ich freue mich über jede Frau jenseits der Jugend, die ihren Kleidungsstil nicht irgendwelchen vermeintlichen Erwartungen anpasst, sondern unbeschwert ganz nach Laune in die bunte Kleiderkiste greift!

Zweitens: Es fühlt sich wider Erwarten unglaublich gut an, das Retrostück! Welch ein Sommersegen bei der Hitze! Ich fühle mich erstaunlich wohl in ihm und gar kein bisschen bemitleidenswert, auch wenn mich jetzt vielleicht andere Mittzwanzigerinnen mitleidig belächeln. Zumindest im Moment höre ich die Uhr nur noch unterschwellig leise ticken, wenn überhaupt. Auch die Frage ob Männer mit ihrem immergrünen knackigen Oberschenkelfleisch dieses Mindeshaltbarkeitsdings trotzdem auch irgendwie beschäftigt schrumpft in meinem Hirn unter der Sommersonne vorübergehend dahin… Du Retroteil – ich find dich geil!!!

Anja


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