Interviews


sarah1Ich mache mir nicht so viele Gedanken über die Unterschiede.
Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Meine Mutter ist mein Vorbild und für mich Mama und Papa gleichzeitig. Erst als ich in eine WG gezogen bin und einen Mitbewohner hatte, habe ich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Alltag bemerkt. Mein Bruder wurde ja auch von meiner Mutter erzogen. Da war es nie Thema ob wir Mädchen oder Junge sind, weil meine Mutter beide Rollen ausgefüllt hat.
In der Schule dachte ich immer, ich wäre lieber ein Junge, weil die besser in Mathe waren. Dass das Quatsch ist habe ich dann spätestens in der Oberstufe festgestellt. Aber das war für mich früher das Schlimmste am ‚Mädchen-Sein‘. Ich dachte schon, die Jungs haben es besser in der Schule. Allerdings habe ich dann zum Abitur hin gemerkt, dass sie alle schlechtere Noten hatten.
Gerade arbeite ich in einem Restaurant, in der Küche arbeiten nur Männer . Das sind alles richtige Machos und ich hatte deswegen schon diverse Auseinandersetzungen.
Mittlerweile finde ich das Schlimmste am ‚Frau-Sein‘ dass man von so Machotypen einfach nicht ernst genommen wird. Allerdings findet das in dem Umfeld das ich mir selber aussuche, also bei meinen Freunden, so nicht statt.
Schön finde ich als Frau, und da bin ich mittlerweile ein richtiges Mädchen, wenn man sich so richtig schön macht. Früher habe ich mich das nicht so getraut. Heute mag ich es gern wenn wir abends weggehen und uns dann so richtig schön machen vorher. Ich habe eine Mitbewohnerin die macht mir dann die Haare. Neulich hat sie mich geschminkt. Das finde ich ganz nett, dass Mädchen sich mit ihrem Aussehen beschäftigen können, ohne verurteilt zu werden. Da beneide ich die Jungs nicht drum. Wenn sich einer um sich selbst kümmert – und das ist ja auch eine Art von Selbstfürsorge – wird er gleich total lächerlich gemacht. Eine Frau wird dafür nicht einfach ausgelacht, wenn sie sich etwas zu viel aufhübscht. Dann ist das nichts Schlimmes. Mädchen werden einfach nicht für ihr Aussehen ausgelacht, Jungs manchmal schon.
Ich finde es sehr ungerecht, dass man als Frau verurteilt wird, wenn man ein Kind hat und arbeiten geht. In der Gastro arbeitet man ja auch abends länger und bei den Kolleginnen kommt dann oft: „Ja, wer kümmert sich denn jetzt um die Kinder?“ als wäre das total utopisch, dass die einen Freund oder Mann haben, der sich um die Kinder kümmert, während sie auf Arbeit sind. Wenn man das dann erklärt, ist das klar. Aber von allein kommt keiner drauf.


anna-kopieDas Schönste für mich als Frau ist, dass wir immer mehr Wahlmöglichkeiten als Männer haben, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen. Sowohl was den Kleidungsstil als auch Dinge wie den Musikgeschmack angeht. Auch unsere akzeptierte Verhaltensbandbreite in der sozialen Interaktion ist größer als die der Männer. Frauen haben sich bisher einfach mehr Gepflogenheiten aus der ehemals männlichen Sphäre erschlossen als andersrum.
Die größte Ungerechtigkeit finde ich, dass Männern von vornherein grundsätzlich mehr Kompetenz zugetraut wird als den Frauen – zumindest müssen wir Frauen an der Uni erheblich mehr dafür tun, so erlebe ich das. Und dass zum Beispiel mehr Frauen als Männer promovieren, aber später mehr Männer als Frauen an der Uni dozieren. Bei mir im Semester sind 80% der Studierenden weiblich, wohingegen 8 von 10 meiner Dozenten männlich sind.
Was mich am meisten daran nervt eine Frau zu sein, ist, dass man als Frau nicht hemmungslos Männer abschleppen kann ohne dafür schräg angeschaut zu werden – irrereweise hauptsächlich von anderen Frauen. Auch meinen Freundinnen erzähle ich nicht von jeder Begegnung mit Männern; der negative Stempel ist der Frau, die ihrem Bedürfnis und ihrer Lust frei nachgeht, einfach sofort aufgedrückt.


denis1-kopieDas Schlimmste ist, dass man als Mann so klischeehaft stark sein muss, der Führer der Frau sein muss. Diese ganzen Klischees, die mag ich nicht am Mann-sein: Die Tür aufhalten, dass die Frau sich hinsetzt, dass der Mann immer bezahlen muss, … alles was dazugehört. Das gefällt mir nicht.
Die Erwartungen der Frauen spüre ich als gesellschaftlicher Druck und im persönlichen Erleben. Die Gesellschaft, die all das erwartet, es uns beibringt, es von uns verlangt. Privat habe ich schon erlebt, dass Freundinnen dann wollten, dass ich bezahle.
Als Kinder haben wir uns auch geprügelt, so typisch Junge. Als ich das jetzt bei meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gesehen habe, konnte ich nicht mehr nachvollziehen warum ich das so gemacht habe. Früher hat das Spaß gemacht, war auch gut – aber jetzt hat sich das geändert. Ist ja auch ganz gut so (lacht) … also dass sich auch die innere Haltung geändert hat.
Ich bin halt nicht der typische Mann und kann quasi die Grenze zu dem, was man von mir verlangt auch sprengen und zeigen, dass es auch anders geht. Das gefällt mir persönlich.


roxy1-kopieDas Schönste am Frau-sein? Ich liebe Mode und ich finde schminken ganz toll. Ganz feminin wirken gefällt mir. Frauen können sich auch mehr erlauben. Sie können ein paar Sprüche machen und bekommen keine ‚Faust‘. Weißt du, was ich meine? Es gibt ja Jungs, die necken sich und geben sich dann eine ‚Faust‘. Aber wenn du als Frau was sagst zu einem Mädchen oder Typen, dann nehmen sie das einfach so hin.

Ich finde auch als Mann musst du dich behaupten und als Frau darfst du einfach weiblich sein. Bei uns an der Schule – oder allgemein im Freundeskreis, die Jungs müssen sich immer irgendwie behaupten: ‚Ich bin ein Junge – ich bin ein Mann!‘. Ich weiß nicht, was es ist, ich hab es auch nie verstanden.
Das Schlimmste ist dass wir beim Feiern wie so ein Stück Fleisch betrachtet werden. Und wenn ich zum Beispiel im Urlaub bin, ist Frau sein nicht so toll wie Mann sein. Da wo ich Urlaub mache sind Männer eben eher autoritär als Frauen.

Wenn ich dann als Frau an der Promenade bin, sehen mich die Jungs oder Männer halt eben wie so ein Stück Fleisch und denken, die können sich dann was erlauben. Deshalb bin ich dann mit meinen Cousins oder einem Freund unterwegs. Also ich glaube, wenn du auf Mallorca Urlaub machst, ist das genau dasselbe. Frauen schauen Männer nicht so an. Wenn sie einen Typen interessant finden, schauen sie ihn schon an. Aber nicht so wie die Männer schauen. Es ist so, als wären wir die Schafe und sie die Wölfe.


Das Schönste am Frau sein und das Schwierigste daran

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Ich finde am ‘Frau sein’ toll, dass wir heutzutage eine unglaubliche Bandbreite zur Verfügung haben. Wir dürfen emotional sein, wir haben die Möglichkeit harte Fakten charmant zu verpacken – das haben Männer theoretisch auch, aber ich glaube, Frauen fällt es im Durchschnitt leichter.

Ich finde, wir leben in einer der besten Zeiten für Frauen, weil wir in Bezug auf klassische Rollenbilder ein immer breiteres Spektrum dazu gewinnen, im Hinblick darauf, was uns erlaubt und möglich ist.

Im Theaterstück ‘caveman’ wurde das Publikum vor vielen Jahren gefragt, wer der Meinung ist, dass sich Frauen von  Logik nicht beirren lassen. Meine Freundin und ich haben uns als Einzige gemeldet. Ich finde wir haben die Möglichkeit logisch und intellektuell zu sein, wenn es uns passt und anders, wenn es uns gerade nicht zielführend erscheint. Und das fügt sich für alle ins Rollenbild. Diese Optionen mag ich sehr.

Blöd finde ich nach wie vor, dass wir es mit einigen Klischees zu tun haben, die wir nicht ohne weiteres los werden – und diese echter Gleichberechtigung nach wie vor im Weg stehen. Ich habe zum Beispiel kürzlich ein Coachee verloren – sie kam mit dem „Problem”, dass sie so tough in ihrem Auftreten sei. Und ich fragte: “Ja, und – wo ist das Problem?”

Es ist für Frauen immer noch schwieriger, diesen Aspekt von Persönlichkeit zu leben – das Toughe, Harte – nicht charmant sein müssen und auch nicht immer nett.

Das war es auch, was ich als junge Frau – vor allem rückblickend – sehr schwierig fand: Ich bin für meine (manchmal) dominante Art oft als “bossy”,  “Kampfhenne“ oder mit “Haare auf den Zähnen” tituliert worden. Es war klar, dass das kein Kompliment war. Es fällt als Frau viel schwerer dazu zu stehen, stark und Ton angebend zu sein. Diese Eigenschaften als Qualität zu betrachten und in diesem Zusammenhang einen gesunden Selbstwert zu entwickeln, hat zwar geklappt, aber es war mühsam.

Ich bin total gerne Frau.

Auch wenn es noch Ungerechtigkeiten und Nachteile gibt – zum Beispiel, dass wir an manchen Stellen nicht gleich bezahlt werden für den gleichen Job, nicht die gleichen Karrierechancen haben, dass es Männer mit frauenverachtenden Äußerungen wie Donald Trump gibt, dass Frauen politisch viel weniger Einfluss haben. Wobei  sie diese Möglichkeit auch weniger ergreifen, vielleicht weil viele Frauen es nicht so gerne mögen Macht auszuüben. Alle diese Nachteile betreffen mich allerdings in meinem Alltag nicht so sehr – das sind eher politisch-soziologische Komponenten.

Wobei ein Erlebnis, bei dem ich mit solchen Aspekten konfrontiert wurde, fällt mir ein. Ich wurde für ein Projekt ‘Frauen in Führung’ gecastet und der ‘Interviewer’ fragte mich, ob ich Kinder habe. Ich antwortete zuerst: “Ich glaube, die Frage ist nicht zulässig.” Aber das stimmte so nicht, weil es ja nicht um eine Festanstellung ging. Deshalb erklärte ich: “Nein, habe ich nicht.” Daraufhin sagte er tatsächlich:

“Ich frage mich, ob Sie Frauen zum Thema ‘Frauen in Führung’ unterrichten können, wenn Sie selber keine Kinder haben.”

Da ist mir schon durch den Kopf gegangen, dass es ganz schön krass ist, dass selbst die Tatsache, keine Kinder zu haben, zu einer Art Diskriminierung führen kann. Im Nachhinein habe ich unter der Hand erfahren, dass es im Auswahlgremium eine lange Diskussion gab, ob ich als Frau ohne Kinder weibliche Führungskräfte trainieren kann. Das wird ein Mann nicht gefragt, er muss keine Kinder haben um männliche oder weibliche Führungskräfte unterrichten zu dürfen. Da gibt es noch ‘Restdiskriminierung’ gesellschaftlich und politisch. Auf mich als Person haben diese wenig Auswirkungen – außer finanziell immer wieder. Als Mann wäre ich reicher – Männer werden in meinem Metier grundsätzlich besser bezahlt.

An was ich mich auch noch erinnern kann: Ich habe noch zwei Schwestern und mein Vater hat früher wenn es um das Ausgehen Abends und am Wochenende ging immer gesagt: “Wenn du ein Bub wärst, würde ich das erlauben.” Das fand ich ätzend. Aber er hatte natürlich recht. Es ist als Frau gefährlicher. Es werden immer noch mehr Frauen vergewaltigt als Männer. Das ist eine Realität und hier auf sich aufzupassen ist Selbstschutz.

Und ich glaube, dass Frauen einen größeren Druck haben, schön zu sein. Man verzeiht es Männern nach wie vor mehr, hässlich zu sein. Eine Frau die hässlich ist, hat es extrem schwer gesellschaftlich und politisch Relevanz zu erzielen.

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Heute ein Mann über das Mann-Sein im Interview

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Das Schlimmste am Mann-Sein finde ich, dass Schwäche schwer toleriert wird. Als Mann ecke ich fast immer dann an, wenn ich meine Schwäche offenbare: Wenn ich emotional bin und etwas anderes zeige als Wut oder strategisches Handeln oder Klarheit. Meine Erfahrung ist, dass man von Männern dafür getadelt wird und von Frauen verachtet.

Zuerst ist es immer toll:  Da ist ein Mann der Gefühle zeigen kann – aber wenn ‚Mann‘ Schwäche zeigt, folgt schnell das Etikett ‚Weichei‘

Das Tolle am Mann-Sein ist für mich, dass mir alles offen steht. Wenn ich mich von allem frei mache, kann ich alles tun, auf was ich Lust habe, ohne dass mich jemand bremsen wird oder aufhält. Ich habe erlebt, dass es von allen immer positiv bewertet wird, wenn ich voll in meine Kraft gehe. Dann heißt es: „Super! Der macht etwas. Der geht in die Verantwortung. Der ist frei sein Leben zu leben!“

Frauen stoßen dabei auf Widerstände. Ganz subjektiv ist es so – wenn sie in ihre Kraft gehen und ich kein absolutes Vertrauen zu der Frau habe, macht mir das Angst. So sehr, dass ich das Gefühl habe, ich muss mich ihr gegenüber ständig behaupten. Ich weiß aus meiner Arbeit mit Männern, dass das bei vielen so ist.

Für mich steht dahinter, dass es kein akzeptiertes Mittel gibt, mit dem sich Männer gegenüber Frauen wehren können

Ich kenne so viele Männer, die von Frauen tief verletzt wurden. Das Mittel, das uns als Männern dann zur Verfügung steht, um uns gegen Frauen zu wehren – die Wut – ist ein absolutes ‚No-Go‘. Es wird immer noch nicht wahrgenommen, dass ein natürlicher Zugang zur Wut etwas Produktives ist. Wut ist die innere Energie, die mich dazu bringt, meine inneren Grenzen nach außen zu verteidigen und „Stopp!“ zu sagen.  Wenn wir Männer in unsere Wut kommen, können wir Frauen wegbrüllen und das ist dann häusliche Gewalt.

Ein positiver Zugang zur eigenen Wut ist für Männer schwierig, weil er immer negativ konnotiert wird. Wut steht immer für Gewalt und Aggression. Für mich bedeutet Wut im positiven Sinne mich zu fokussieren, ein Ziel vor Augen zu haben, meine Kraft positiv dafür einzusetzen und es mit Klarheit zu verfolgen. Es ist möglich, die Wut zu nutzen und in etwas Konstruktives umzuwandeln.

Die negativen Aspekte sind Sadismus, Grausamkeit, Übergriffigkeit oder Opfer-Sein – als masochistischer Teil.

Ich glaube, dass das etwas Zentrales ist.

Wenn ich mich als Mann dann schwach zeige und sage: „Du verletzt mich gerade.“ bin ich in der schwächeren Position und werde dafür gedemütigt. Wenn ich in die stärkere Position gehe und sage: „Geh mir von der Pelle – du kotzt mich an!“ dann bin ich übergriffig.

Eine Opferposition bei einer Frau macht mich machtlos

Frauen haben verschiedene Möglichkeiten Männer zu entmannen. In die Opferrolle zu gehen, ist eine davon.

Schwierig als Mann finde ich auch die Zeit der Schwangerschaft und die Geburt.

Da stecken so viele ‚heilige Kühe‘ darin. Zum Beispiel, wenn eine Frau schwanger ist, dann ist sie unantastbar. Ich kann nicht mehr mit ihr streiten und mich auseinandersetzen. Das ist plötzlich wie Krankheit: Die Frau ist schwach und muss geschont werden.

Als Mann darfst du während der Schwangerschaft nicht schwach sein, du musst das alles (aus-)halten. Und danach eigentlich auch. Das finde ich anstrengend und bin damit auch überfordert.

Eine andere heilige Kuh: dass eine Frau, die nicht natürlich gebärt oder nicht problemlos stillen kann, sich als Frau zweiter Klasse fühlen muss.

Als Mann rutscht man automatisch in die Versorgerrolle – ob man will oder nicht. Man hat keine Chance etwas anderes zu sein.

Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt.

Einerseits habe ich mir das natürlich ausgesucht, das ist ein familiäres und gesellschaftliches Muster. Ich mache das sehr gerne – freiwillig und als Geschenk. Wenn es aber ein ‚Muss‘ wird und eine Pflicht ist und zusätzlich nicht gewürdigt und wertgeschätzt wird, ist es etwas ganz anderes. Das habe ich von vielen Männern gehört. Ich würde mir wünschen, dass ‚Mann‘ darauf vorbereitet wird und dass er weiß, was ihn erwartet.

Ich hatte es mir wunderschön vorgestellt, dass gemeinsam zu erleben und am Schluss hatte ich das Gefühl, ich mache alles falsch

Wenn ich all das Erlebte und Gehörte zusammenfasse, ergibt es das Bild, dass Frauen sehr viel mehr hin- und herschwanken – ein Bild vom Meer habe ich da und dass Männer sehr viel härter und felsenhaft sind.

Die Frauen sagen: „Männer ihr seid ja so emotionslos.“

Die Männer sagen: „Frauen – ihr sagt heute so und morgen so.“

Ein Bild von Meer und Fels. Es gefällt mir nicht, aber ich habe noch kein anderes gefunden, dass es mehr trifft. Das zu akzeptieren und gegenseitig zu begleiten, scheint unsere Aufgabe zu sein.

 In meiner Arbeit mit Männern habe ich erlebt, dass wenn wir uns untereinander in unserer Schwäche zeigen, annehmen und unterstützen, alle miteinander auftanken und danach sehr viel mehr in unsere Kraft gehen können.

Im großen Kontext – wenn bei unseren Feiern die Frauen dabei sind  – honorieren sie es, wenn Männer so starke Emotionen und Schwäche zeigen und sind angerührt von ihrer Verletzlichkeit. In Beziehungen erlebe ich das in meinem Umfeld und bei mir nicht, da ist männliche Schwäche unerwünscht. Ich denke dahinter steckt auch ein grosses Bedürfnis nach Sicherheit.

Ich habe aber auch den Wunsch nach einer starken Partnerin. Einer, bei der ich auch mal schwach sein kann und mich anlehnen. Aber da ist die Angst, dass sie dann einen Schritt zurückgeht und sagt: Spinnst du?“

 Ich wünsche mir eine starke Frau in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig unsere dunklen Seiten zeigen und uns auch den Spiegel von diesen Schattenseiten vorhalten.  Wenn das Männer untereinander machen, hauen sie sich das schon mal um die Ohren und danach gehen sie zusammen ein Bier trinken. Wenn ich das mit Frauen mache, muss ich Angst haben, dass sie mich dann links liegen lassen. Deshalb ist die Angst vor starken Frauen, die ich benannt habe natürlich keine Angst vor der Stärke an sich, sondern die Angst vor dem Spiegel und dem was dann passiert.

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass alle Aspekte meines männlichen Seins anerkannt und gewürdigt werden würden: auch meine Schwäche,  dass ich etwas nicht kann, dass ich nicht perfekt bin.

Und umgekehrt genauso.

Wenn ich an Frauen denke, würde ich mir wünschen, dass sie auch dafür gewürdigt werden, dass sie stark sind, dass sie nach vorn gehen, dass sie in ihre Kraft kommen.

Ich wünsche mir, dass das möglich wird, ohne dass wir unsere geschlechtliche Seele dafür aufgeben müssen.

Wenn eine Frau stark ist, ist sie oft im negativen Sinne heftiger als ein Mann, wenn ein Mann schwach ist, ist er oft ein größeres Opfer als eine Frau. Ich würde mir wünschen, dass das ‚eben‘ ist, dass wir so sein dürfen, wie wir wirklich sind.


Vier starke Jungs übers Mann-Sein

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von links nach rechts: Andy + Amil + Kadir + Alexandros

Alexandros

Das Schlimmste am Mann-Sein finde ich, dass jeder Junge oder Mann schnell als ‚Arschloch‘ abgestempelt wird. Wenn man an einem Mädchen interessiert ist und etwas mit ihr hat, heißt es „Der macht das bloß, weil er sich cool findet und ein Gangster ist.“ Jeder denkt, dass Jungen immer nur das Eine wollen und nicht so viel Gefühle haben.

Wobei, wenn ein Mädchen sich für einen Jungen interessiert und mit Jungs Spaß hat, wird sie als ‚Schlampe‘ bezeichnet. Das finde ich nicht in Ordnung. Man sollte die Person selber kennenlernen bevor man über sie urteilt und sich sein eigenes Bild machen.

Als Junge und Mann wird man oft vorverurteilt und es besteht ein Misstrauen

 Schon in der Schule und im Kindergarten war es so, dass man als Junge Ärger bekommen hat, wenn man einen Streit mit einem Mädchen hatten. Einfach weil man der Junge ist.

In der Beziehung ist es so, dass die Mädchen eifersüchtig und sauer sind, wenn der Junge nur mit einem anderen Mädchen redet. Wenn die Mädchen dasselbe machen und der Junge eifersüchtig ist, sagen die Mädchen: „Warum bist du so eifersüchtig? Das ist doch nicht so schlimm.“

B ei meinen Freunden und Bekannten habe ich schon oft erlebt, dass die Jungen den Mädchen eher verzeihen, wenn sie betrogen werden. Sie denken dann, das passiert in Zukunft nicht mehr und verzeihen ihr. Die Mädchen reagieren ganz anders und machen sofort Schluss.

Besonders schön finde ich am Mann-sein, dass wir so entspannte Abende mit Freunden haben können, ohne rumzulästern

Die Mädchen lästern übereinander – immer über diejenige, die nicht dabei ist. Von außen sind sie voll gut befreundet, aber mit anderen reden sie schlecht übereinander. Die Mädchen fangen auch wegen jeder Kleinigkeit einen Streit miteinander an und tragen sich die Dinge lange nach. Wir Jungs sprechen das an und diskutieren das aus und dann ist das geklärt, oder wir machen eben weniger miteinander.

Amil

Eine Freundin von mir hat sich kürzlich furchtbar aufgeregt, weil eine gute Freundin von ihr die Bahn verpasst hat und zu spät kam. Sie hat sich bei allen anderen über sie beschwert. Das kann ich mir für mich und meine Freunde nicht so vorstellen, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollten – auch wenn ich eine Stunde zu spät kommen würde.

Alexandros

Was ich schön finde ist auch, dass meine Mutter mich bittet meine Schwester abzuholen, wenn es Abends spät ist. Ich bin 18 und meine Schwester ist 21. Ich mach das gerne und es fühlt sich gut an, dass ich sie beschütze und sie das Vertrauen in mich haben, auch weil die Mädchen nicht so viel Kraft haben und sich nicht so wehren können.

Schwierig am Mann sein finde ich auch eine Freundin zu bekommen. Mädchen haben es viel einfacher, wenn sie einen Jungen haben wollen. Sie schreiben einfach und schon klappt das. Wir Jungen müssen da viel mehr investieren – richtig mit Herzblut kämpfen und am Ende wird es dann vielleicht doch nichts. Mädchen kann man echt schwer durchschauen.

Andy

Mir ist aufgefallen, dass unter Mädchen ein großer Konkurrenzkampf herrscht

 Sie machen sich auch viel mehr Gedanken, wenn ein Junge den sie gut finden, auf ein anderes Mädchen steht. Die Jungs nehmen es viel gelassener. Sie chillen dann halt mit ihren Freunden und leben in den Tag.

Ich hab selber noch keinen Liebeskummer gehabt. Wie Mädchen das spüren, weiß ich nicht …

Alexandros

Das Besondere ist, dass die Jungen  ihren Liebeskummer nicht zeigen. Die Mädchen möchten das vielleicht auch verbergen, aber man sieht es ihrem Gesichtsausdruck  an und bemerkt es an ihrem Verhalten. Die Jungs können es wegstecken oder so tun, als wäre nichts.

Kadir

Das ist aber auch das, was am Mann-Sein so negativ ist, dass gefordert wird, dass Männer keine Schwäche zeigen sollen – das setzt  viele Männer unter Druck

Andy

In der Schule zeigen wir unsere Gefühle nicht – unseren Freunden schon und wir reden auch darüber.

Kadir

Ja, untereinander geht das

Amil – Ja

Kadir

Mir ist dazu aufgefallen, dass Mädchen nicht loslassen können. Wenn eine Beziehung auseinander geht oder sie sich übereinander geärgert haben, bleibt das lange bestehen und wird immer wieder hervorgeholt.

Männer diskutieren das aus oder schauen darüber hinweg wenn sie mal eine andere Meinung haben, da gibt es so eine Art Brüderschaft, die ich bei Frauen nicht so spüre

Bei Männern ist das intensiver würde ich sagen. Wenn es nicht mehr passt, trifft man sich eben mit anderen, aber man lästert nicht ständig übereinander.

Alexandros

Ich sehe das so:  wenn ich Streit mit einem sehr guten Freund habe, mit Kadir zum Beispiel – wir haben eine sehr gute Bindung – dann diskutieren wir das aus und es ist gut. Es kommt sehr auf die Beziehung an, die man hat. Die Mädchen bleiben wie schon gesagt – in ihren Streitereien stecken.

Kadir

Für mich ist das Schöne am Mann-Sein, dass wir viel Vertrauen bekommen und Verantwortung übernehmen

 Wie bei Alexandro, der seine Schwester abholt. Das zeigt dann, dass die Eltern Sicherheit wollen und uns einsetzen. Das ist etwas Schönes finde ich.

Und auch die Freiheiten, die man als Mann hat.

Andy

Als Frau würde ich es bedrückend finden, dass die Männer dominanter sind. Würde ein Mädchen etwas zu mir sagen, würde ich antworten: „Ja, ist halt so.“ aber sie könnte mir nichts anhaben.

So eine Unverwundbarkeit als Mann

Alexandros

Was ich noch gut finde: öffentlich können die Jungs viel mehr so sein, wie sie sind. Ich kann mich so zeigen wie ich bin, ich kann verrückt sein, wenn ich die Laune dazu hab. Mädchen sind da nicht so verspielt und eher zurückhaltend. Das kommt erst, wenn man die Mädchen gut kennt. Ich habe auch eine beste Freundin und finde es schön, so wie sie ist. Wenn ich weiß, da ist keine Maske aufgesetzt.

Es ist doch so: Sobald wir in die Schule gehen, sind wir eine andere Person

Wir verstellen uns einfach, damit wir in der Gesellschaft gut ankommen

Man will ja dazugehören und dafür muss man in ein bestimmtes Raster passen und auch Markenklamotten tragen. Das fängt Ende der Grundschule an. Es gibt auch die Angst, dass man ein Außenseiter ist oder gemobbt wird, wenn man nicht in die Gesellschaft passt.

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von links nach rechts: Andy + Amil + Kadir + Alexandros

Hier das Live-Interview als Audio-Datei zum Anhören: