Märchen

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Rapunzel

Es war einmal vor langer langer Zeit ein junges Menschenpaar. Die beiden Frauen liebten sich sehr, achteten einander und wünschten sich nichts sehnlicher, als dass ein Menschenseelchen im Himmel sich für sie entscheiden und in Gestalt eines Kindes zu ihnen kommen würde. Da sich ihr Wunsch lange Zeit nicht erfüllte, beschlossen sie, den stadtbekannten Hexer aufzusuchen und um Rat zu fragen.

„Wenn ich euch helfe, so müsst ihr mir euer erstes Kind versprechen“ verlangte dieser. „Mit meiner Hilfe werdet ihr jedoch so viele Kinder wie ihr nur wollt bekommen können.“ Die beiden Frauen erschraken sehr und baten um etwas Bedenkzeit. Jolinda, die jüngere, konnte sich nicht recht zu diesem teuren Handel durchringen. Erna, die Ältere aber sagte: „Wir haben es nun so lange versucht liebste Jolinda, ohne den Hexer werden wir unser Leben lang kinderlos bleiben“ und so stimmte Jolinda schließlich zu. Der Hexer empfahl den beiden Frauen, dass diejenige, die schwanger werden wollte, täglich mehrere Pfund Rapunzeln zu sich nehmen sollte und versprach ihnen, sie stets ausreichend mit dem frischen Kraut zu versorgen.

Es folgte eine Zeit der Aufregung, in der beide Frauen jede Menge Rapunzeln aßen. Erna verstand es, vorzügliche Rapunzel-Rezepte zuzubereiten, sodass sie der Speise nie überdrüssig wurden. Es gab da kalte Rapunzel-Salate, dampfenden Rapunzel-Eintopf und besonders die knusprig überbackenen Ofenrapunzeln hatten es Jolinda angetan. Jolinda war schließlich auch die erste, deren Bauch sich in Erwartung eines Babys langsam zu wölben begann.

„Ach Erna“ schluchzte sie oft, „ich weiß gar nicht ob ich mich freuen soll“, doch Erna beschwichtigte sie und empfahl ihr, nun erst einmal abzuwarten. „Vielleicht können wir dem Hexer ja eine andere Bezahlung für seine Rapunzeln anbieten“ sagte sie. Als Jolinda schließlich im Frühjahr ein Mädchen gebar, da war die Sorge zunächst vergessen. Aus klugen dunklen Augen schaute das Menschenkind seine beiden Mütter an und machte ihnen die größte Freude. Erna umsorgte die noch schwache Jolinda und das Baby aufs Herzlichste und Liebevollste.

Der Hexer und das schwere Verspechen, das er den Frauen abgerungen hatte, geriet nun immer mehr in Vergessenheit, denn da nun auch Erna ein Kind erwartete, benötigten sie vorerst auch keine weitere Rapunzeln mehr von ihm. Zu seinen Ehren, und um ihn etwas zu beschwichtigen, hatten sie Jolindas Mädchen jedoch Rapunzel genannt.

Wenige Monate später gebar auch Erna ihr Kind, einen kleinen Jungen, den sie Fidelio nannten. Nun zu viert, füllte sich das kleine Haus alsbald mit Lärm und Leben und es folgten viele glückliche Jahre in der kleinen Familie. Rapunzel und Fidelio wuchsen heran und hatten einander sehr lieb. Fidelio war schön und sanftmütig und begleitete seine große Schwester gerne in den Wald, wo die kluge Rapunzel ihn stets allerhand über die Pflanzen und Tiere lehrte und ihn in ihre wilden fantasievollen Spiele verwickelte. Traute sich Fidelio oft nicht recht, die kühnen Taten seiner Schwester nachzuahmen, lehrte sie ihn jedoch bald auf jeden Baum zu klettern, durch den großen Waldsee zu schwimmen und allein mithilfe von Stock und Stein ein Feuer zu entzünden und so verbrachten die Geschwister eine herrliche Zeit.

Kurz vor Rapunzels 15. Geburtstag jedoch kehrte der schöne Fidelio alleine aus dem Wald zurück. „Er hat sie mitgenommen“ schluchzte er seiner Mutter in die Schürze, während Jolinda, die sofort verstand, dass der Hexer ihr Kind entführt hatte, wie zu Eis erstarrte. Als sie sich aus ihrer Erstarrung lösen konnte, rannte Jolinda weinend in den Wald. Dort fand sie jedoch nur noch Rapunzels Schnitzmesser, welches das Mädchen zu seiner Verteidigung aus dem Gürtel gezogen, dann jedoch verloren hatte.

Der Hexer sperrte Rapunzel auf einem entlegenen Fleckchen Erde in einen hohen Turm, der weder Tür noch Tor besaß. Da die Mütter in all den 15 Jahren vergeblich versucht hatten ihr die Haare zu schneiden weil das Mädchen jedes Mal protestierend davongelaufen war, besaß Rapunzel wunderbar langes, dunkel glänzendes Haar. Als der Zauberer sie dann zum ersten Mal im Turm besuchen kam, rief er: „Rapunzel wirf dein Haar herunter“ und das Mädchen musste seinen langen Zopf aus dem Turm herabhängen, woran der Hexer sodann hinaufkletterte.

Kaum war der Hexer aber gegangen, machte sich das kluge Mädchen daran einen Plan zu schmieden. Zeit ihres Lebens hatte sie den Wald und seine Bewohner, insbesondere die Vögel geliebt. Von klein auf hatte Rapunzel geübt, die Stimmen ihrer Freunde nachzuahmen und beschloss nun, sich dies zunutze zu machen. Als der Hexer sie das nächste Mal besuchen kam und wieder rief: „Rapunzel, lass dein Haar herunter“ warf sie voller Zuversicht ihren Zopf aus dem Turm und ließ den Hexer abermals daran hinaufklettern. Als dieser jedoch oben angekommen war, begann sie aufs Herzallerliebste zu zwitschern und zu pfeifen und lockte all die Vöglein aus der Gegend auf die Simse ihres Turmzimmers. Der Hexer staunte nicht schlecht beim Anblick des singenden Mädchens und der Vogelscharen, die da herbeigeschwärmt kamen. Vor lauter Staunen ließ er sein kleines Bündel mit Werkzeugen zum Kräutersammeln aus den Händen auf den Boden gleiten und trat näher an die Brüstung des Turmes heran um das Flugspektakel der Vögel besser betrachten zu können. Rapunzel nutzte den Augenblick, trat hinter den Hexer und bückte sich rasch um in das Bündel des Hexers zu greifen und diesem geschwind die Kräuterschere zu entnehmen, ohne dass der Hexer dies bemerken konnte. Schnell barg das Mädchen die Schere unter seinem Rock an seinem Schnitzmessergürtel, bevor der Hexer sich zu ihr umdrehte und sprach: „Du bist ein talentiertes Kind. Dich will ich noch lange hier bei mir behalten, wer weiß welche Fähigkeiten Du noch besitzt und wie ich sie mir zunutze machen kann.“

Kaum war der Hexer aber gegangen, machte sich Rapunzel ihre Fähigkeiten selbst zunutze: Sie nahm die Kräuterschere des Hexers hervor, schnitt sich ihren schönen langen Zopf ab, befestigte das eine Ende an ihrem Bettpfosten und ließ den Rest zum Turme herabhängen. Da sie viele Male mit ihrem Bruder gemeinsam im Wald auf Bäume geklettert war, stieg sie nun behende wie ein Eichhörnchen an ihrem Zopf hinunter. Sich an der Sonne orientierend schlug sie die Richtung ihrer Heimat ein, die sie bald auf eine Straße durch ein Dorf hindurchführte.

In einem Garten des Dorfes sah sie einen schönen jungen Mann beim Äpfel pflücken. Er gefiel ihr so gut, dass sie ein Gespräch mit ihm begann, während dem sich die beiden so sympathisch wurden, dass Rapunzel ihn mit zu sich nach Hause einlud.

Wie groß war die Freude, als Jolinda und Erna ihre Rapunzel wieder in die Arme schließen konnten! Sie bereiteten ein Festmahl für ihre Tochter und deren Gast und gemeinsam mit Fidelio lauschten sie bis tief in die Nacht hinein den Abenteuern von Rapunzel.

Anja