Standpunkte

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LGBTTIQ & H*

Ein Blog über Männer und Frauen – das ist heute mehr als politisch unkorrekt!

Das ist quasi ignorant und engstirnig. Weil doch heute jeder machen und erreichen kann was er will! Egal ob Mann, Frau, Trans, Intersexuell oder Genderfluid, wer man ist und wen man liebt, also unabhängig von der biologischen oder gefühlten Geschlechtszugehörigkeit oder gar der Ablehnung von Geschlecht überhaupt als Kategorie und unabhängig von der sexuellen Orientierung.
Ach ja? Ist das so?
Auch an uns ist nicht vorüber gegangen, dass heute vielfach ein Bewusstsein für die Unterscheidung von ’sex‘, ‚gender‘ und ‚doing gender‘ vorhanden ist und dass das Grundgesetz mittlerweile eine Gleichstellung für alle vorsieht.

Aber so schnell geht das in der Praxis dann halt doch nicht

Dass die deutsche Ehefrau z.B. ohne das Einverständnis ihres Mannes arbeiten darf, ist, gemessen an der Menschheitsgeschichte, immer noch brandneu, nämlich genau 40 Jahre alt. Die Zuordnung zum biologischen Geschlecht ist noch immer stark mit Erwartungen an soziales Verhalten verknüpft. Keine andere Zuordnung zu einer Gruppe führt zu so vielen sozialen Zuschreibungen (gender) wie die der biologischen Geschlechtszugehörigkeit (sex).
Jahrhundertealte Moralvorstellungen, tradierte Verhaltensmuster und gesellschaftliche Strukturen sind – gelinde gesagt – träge, was ihre Entwicklungsgeschwindigkeit betrifft. Viele dieser „ererbten“ Denk- und Verhaltensmuster laufen unbewusst ab und sind nahezu resistent gegen Veränderungen. Auch wir Männerheldinnen sind nicht immer frei davon – mehr dazu findet ihr z.B. in unserer Rubrik „ertappt“.

Die Tatsache, dass etwas als rational richtig erkannt wird,
führt nicht automatisch zum ‚richtigen‘ Verhalten

Dem steht nämlich neben diesen Mustern auch das Grundbedürfnis der Bequemlichkeit entgegen. Vor allem, wenn bisher angenehme Rechte, Freiheiten oder ein Teil der Macht und Entscheidungshoheit abgegeben werden sollen, führt das im Zusammenspiel mit dem inneren Schweinehund eher zu Trägheit oder gar zu heftigem Widerstand, zumindest aber selten zu großem Engagement für die „Gegenseite“. Selbstverständlich wollen wir auch die positiven Beispiele, die uns begegnen, gerne mit euch teilen!

Worum es uns geht

Weil wir alle durch die Strukturen der Gesellschaft – gewollt oder ungewollt – eingeordnet werden und dies Auswirkungen auf Verhalten und Entwicklungsmöglichkeiten hat, wollen wir bloggen. Erzählen was uns begegnet und wie wir es erleben: Ärgerliches, Lustiges, Absurdes, Hoffnungsvolles und Abgrundtiefes. In unseren Interviews wollen wir die Wahrnehmung weiterer Menschen (aller Arten!) sammeln und vorstellen und auch auf eure Kommentare und Beiträge sind wir gespannt.

Auch wenn wir beide Cis-Frauen sind (Cis-Personen, Personen die mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, einverstanden sind) und aufgrund dessen viel über unsere Erfahrungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten für Frauen und heterosexuelle Beziehungen schreiben werden, haben wir die Vielfalt auf Sicht und sind dankbar über jede Horizonterweiterung in dieser Richtung. Die Auflösung mancher Rollenerwartung wird hoffentlich dazu beitragen.
* Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersex, Queer & Hetero

Carmen & Anja


 

„Und dann muss ich den Baum ficken“

„Du musst was?“

„Den Baum ficken.“

Gut, zumindest akustisch scheint der Satz bei mir richtig angekommen zu sein. Während er auf der Suche nach Referenzerfahrungen – leider völlig  erfolglos – durch meine Hirnareale jagt, schauen mich 12 Mädchenaugenpaare flehend und vertrauensvoll an.  Äußerlich gelassen stelle ich die nächstliegende Frage, die hoffentlich mehr Klarheit bringt.

„Wie geht denn das? Einen Baum ficken?“

Diese Frage bringt reichlich physischen Schwung ins Geschehen. Einige der Mädchen halten imaginäre Baumstämme zwischen den Händen und bewegen rhythmisch ihre Hüften. Auch die Akustik kommt nicht zu kurz. 

„Wir müssen dabei stöhnen.“ illustriert M. das Ganze und tut das auch gekonnt. 

Ich atme innerlich tief durch.

Geschlechtsspezifisches Sozialtraining einer vierten Klasse. Eine Grundschule irgendwo in Baden-Württemberg. Das Programm umfasst zehn Einheiten à 120 Minuten. Wir steigen mit einem gemeinsamen Auftakt der ganzen Klasse ein, dann arbeitet mein männlicher Tandempartner mit den Jungs, mein Part sind die Mädchen. Wir schauen mit ihnen auf die großen Emotionen: Trauer, Wut, Angst, Scham, Freude.

 Wie nehme ich wahr, wie es mir geht?

Wie kann ich mich mitteilen und was kommt davon an? Was sind  meine Handlungsstrukturen? Meine Rolle in der Gruppe? Wie gehe ich mit Erwartungen, innerem und äußerem Druck, Enttäuschungen und meinen eigenen Ansprüchen um? Welche Wahlmöglichkeiten habe ich? Was macht mich glücklich? 

Die Einheiten beinhalten eine Art Wahrnehmungsschulung mit vielen Übungen aus der Theaterpädagogik, im Anschluss gibt es dann eine Reflexion.  

Tja und da sind wir nun – mitten in der dritten Einheit.  Wir sprechen über das ‚Nein‘-sagen. Den Mädchen fällt  sofort eine Situation dazu ein. In den Pausen spielen sie mit den Jungen „Wahrheit oder Pflicht“. Und wenn ein Mädchen nicht die Wahrheit über die große aktuelle Liebe seines Lebens preisgeben will, fordern die Jungen die Pflicht: den Baum im Pausenhof ficken. Klar, was auch sonst!?

Eine exzellente Steilvorlage für mich um mit den Mädchen über ungute Gefühle,

unangenehmen Erwartungsdruck und die eigenen Grenzen zu sprechen

Und auch über die seltsamen und ungewohnt neuen Gefühle, die in ihnen an der Schwelle zur Pubertät auftauchen. Neugier, erstes Verliebt sein,  ein Prickeln bei manchem Körperkontakt, dabei gleichzeitig große Scheu und Angst vor dem Neuen und manchmal Ekel, wenn es Grenzen überschreitet.

„Du möchtest das nicht?“ frage ich L. – die es als Erste angesprochen hat.

 „Nein.“

„Du könntest ’nein‘ sagen.“ schlage ich vor.

 „Nein. Ich muss, ichmussichmussichmussichmuss.“

„Warum hast du das Gefühl, dass du das tun musst?“

Wir schauen uns dann in Ruhe an, warum wir – Mädchen und Frauen – so oft meinen, etwas tun zu müssen, das wir nicht wollen. Und die Mädchen wissen – nach ein bisschen Überlegen – sehr genau Bescheid.

„Weil ich keine Spielverderberin sein will.“, „Weil ich sonst vielleicht nicht mehr mitspielen darf.“, „Weil mich die anderen dann vielleicht doof finden.“, „Weil es ja alle machen.“, „Weil sie mich dann vielleicht nicht mehr mögen.“

Damit liegen die Ängste, die uns hindern ein klares, bestimmtes „Nein“ zu sagen auf dem Tisch. Ein ‚Nein‘ das nicht gegen jemanden gerichtet ist, sondern ganz allein unserem inneren Gefühl der Stimmigkeit entspricht. Wir überlegen, wie sie mit diesen Ängsten umgehen können, was ihnen helfen würde und wie sie das in Zukunft handhaben möchten. Wir können sogar noch auf die prickelnde Lust schauen, die dieses aufregende Spiel ebenfalls in ihnen auslöst. 

Die Mädchen sind ungeübt darin, Erwartungen zu durchbrechen und unbequem zu sein

Und die möglichen Folgen lösen Ängste aus. Sie  haben gelernt hinzuspüren, was von ihnen erwartet wird und verhalten sich regelkonformer als die Jungen. In all den Jahren, in denen ich Schulklassen mit verschiedenen Projekten begleite, sind es mehrheitlich die Jungen, die Regeln brechen und sich Strafen einhandeln, während die Mädchen sich mehrheitlich bemühen, allem und allen gerecht zu werden. Die Jungen lernen, dass von ihren Eskapaden die Welt nicht untergeht; die Mädchen lernen, dass sie gelobt werden, wenn sie brav sind.

„Wie ist das mit den Jungs?“ frage ich sie. „Haben sie auch so große Probleme ’nein‘ zu sagen?“

Nein!“ ein Stimmenchor tönt mir entgegen. Da sind sich die Mädels sicher. Die Jungs können ausgezeichnet ’nein‘ sagen. Jedenfalls viel besser als sie.

Da können wir also etwas von ihnen lernen. Und das ist unser Plan!

Im Zuge dieses Gesprächs benennen die Mädchen dann noch die Dinge, die sie im Schulalltag neben den harten ‚Pflichten‘ wütend und hilflos machen: dass die Jungs das Tor in jeder Pause ganz selbstverständlich für sich beanspruchen und in den Schulstunden bei jeder falschen Antwort eines Mädchens ihren Namen verhöhnen.

Mit großer Klarheit erkennen diese noch nicht einmal Zehnjährigen, dass sie zwar an ihrer Haltung arbeiten können, dass sich die Probleme jedoch gemeinsam mit den Jungs besser lösen lassen müssten und fordern ein Gespräch mit diesen. Ich teile das meinem Kollegen nach der Einheit mit einem Lächeln und leichten Bauchschmerzen mit. Das wird spannend…

Ende erster Teil – Fortsetzung folgt

Carmen


Männer wir wollen euch!

Familie zwischen Wahn und Sinn

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Bei der Ressourcenverknappung von Zeit, Schlaf und Nerven durch die Ankunft eines neuen Erdenbürgers ist es oft schnell geschehen um die partnerschaftliche Großzügigkeit unter den Eltern. Das ist nicht nur Privatsache.

Eine Freundin sagte letztens zu mir: „Immer wenn ich mich beklage und etwas aushandeln möchte, sagt mein Mann zu mir: Stell dir vor du wärst alleinerziehend! Und dann denke ich dass er schon recht hat.“

Bei solchen Sätzen geht mir das Messer in der Tasche auf. Und zwar ein doppeltes Klappmesser an beiden Seiten. Wie bitte? Wie bitte junger Mann? Und wie bitte junge Frau, Sie geben ihm recht??

Aber ja, sie hat recht! Auch wenn es ein alter Hut ist, können wir das bitte nochmal ausbuchstabieren:

Alleinerziehend zu sein bedeutet im schlechtesten Fall:

145 Euro Unterhaltsvorschuss pro Monat und Kind

Das ist, was Alleinerziehende erhalten, wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt zahlt, bzw. zahlen kann. Dabei müssen sie sämtliche Haus-, Hof- und Erziehungsarbeiten alleine bewältigen. Wer es sich kräftemäßig leisten kann, geht nebenher noch Teilzeit arbeiten und stockt auf mit Hartz 4. Wie viel da noch übrig bleibt für einen Babysitter und dadurch für ein Stückchen Privatleben, kann sich jeder ausrechnen. Der oder die Abtrünnige baut sich unterdessen ein neues Leben auf und kuschelt das Kind, wann es der neue Zeit- und Lebensplan eben zulässt. Im Falle einer weiteren Bekannten von mir sind das eben nur drei Stunden die Woche, die der Vater sein Kind nach der Trennung zu sich nehmen will. Mit einem Minimum von 1100 Euro Selbstbehalt für den eigenen Lebensbedarf (bei seiner 50%-Stelle entspricht das seinem kompletten Gehalt) fängt er so noch einmal mit genügend Freizeit von vorne an. Für sie bleiben: 145 Euro Unterhaltsvorschuss, ein „Rund um die Uhr-7 Tage die Woche –Job“ bestehend aus Studium und Kinderbetreuung, keinerlei Zuverdienst-Möglichkeiten und sämtliche Sorgen, Nöte und Ängste von Seiten ihres Kindes alleine auffangen müssen.

Dafür brauchen wir die Politik!

Dass in der familiär bedingten Bedrängnis der im Titel genannten Ressourcenverknappung durch ein Baby oder Kleinkind der hauptverdienende Elternteil weiterhin auf seinem uneingeschränkten Recht auf Arbeits- und Freizeit besteht ist ja bis zu einem gewissen Grade nachvollziehbar, schließlich finanziert dieser auch zum Großteil den Laden.

Dass aber der andere, möglicherweise auch noch unverheiratete Elternteil in seinem neuen 24h-Job auch mal Erholung oder Zeitfenster braucht um sich beruflich weiter orientieren zu können, gerade WEIL die Gefahr immer besteht, am Ende alleinerziehend an der Armutsgrenze dazustehen, wird gerne ausgeblendet. Und wenn dann bei Einforderung einer angemessenen Zeitaufteilung von Seiten des betreuenden Elternteils die Rechnung für den aktuellen Hauptverdiener nicht mehr aufgeht und dessen Abflug in die Freiheit folgt, steht Ersterer dumm da. Ab 240 Euro monatlich kann sich der verlassende Elternteil nämlich schon von seiner Sorgepflicht freikaufen. Das reicht im Glücksfall für die Miete des Kinderzimmers. Essen, Kleidung und Weiteres: Wer bezahlt‘s? Kindertränen: Wer trocknet sie?

Wir beklagen rückgängige Geburten- und steigende Scheidungsraten, fürchten verheerende demographisch bedingte Auswirkungen aufs Rentensystem, während genau dieser popelige „Rentenanspruchsgutschein“ auf maximal 3 Jahre Erziehungszeit das Einzige ist was bei den unverheirateten erziehenden Elternteilen auf dem Konto landet.

Wo bleiben die Ehe-unabhängigen Sicherheiten für die Menschen, die die Kinder, die Zukunft aller (!) großziehen?

Wo bleiben die Strukturveränderungen für Elternbeziehungen auf Augenhöhe? Wo bleibt eine Steuerreform, die zwei Teilzeitverdiener nicht bestraft sondern Familie wirklich fördert? Die Ganztagsbetreuung ab dem Säuglingsalter ist nur eine Option. Echte Wahlfreiheit für Eltern bietet sie nicht. Warum wird ein Betreuungsgeld als Herdprämie sogar und gerade auch von Frauen (!?) verschrien und beschimpft, anstatt lauthals ein adäquates bedingungsloses Grundeinkommen für Hausfrauen- und -Männer mit Kindern gefordert? Und zwar unabhängig von der Großzügigkeit und der finanziellen Lage des anderen Elternteils. Eine dritte Freundin von mir bezieht nämlich jetzt lieber Hartz 4 als weiterhin den Vater ihrer beiden Kleinkinder um Haushaltsgeld bitten zu müssen, was dieser stets zum Anlass nahm um am unaufgeräumten Zustand der Wohnung herumzumäkeln, frei nach dem Motto: „Tu erstmal was für dein Geld.“

Ein Ansatz: Grundeinkommen für Erziehende

Vielleicht käme durch ein Grundeinkommen für Erziehende (das bei geteilter Betreuung dann ebenfalls geteilt würde) auch ein leiser Anerkennungswind in diesen undankbaren „Berufszweig“, in dem man eben nicht immer nur mit einem Kinderlächeln, sondern oft genug auch mit Tobsuchtanfällen für die schlaflosen Nächte bezahlt wird. Und vielleicht würde dieser „Beruf“ dann auch ein wenig attraktiver für Männer.

Die Kinder würden auf jeden Fall gewinnen: Entweder nämlich ihre beiden Eltern als enge Bezugspersonen oder aber wenigstens einen finanziell abgesicherten und weniger von Sorgen belasteten Alleinerziehenden.

Anja


Opferfrauen und Tätermänner

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Viele Männer können es nicht mehr hören: aus ihrer Sicht stilisieren sich die Frauen mit dem Aufzeigen von Ungerechtigkeiten zu Opfern und die Männer dadurch zu Gewinnern und Tätern.

Ja, die Welt kann so einfach sein!

Blöderweise ist die übliche Aufrechnerei wen es schlimmer getroffen hat, wer mehr leidet, wer die Schuld trägt und was an Ausgleich für einzelne Gruppierungen gefordert wird, nie ein echter Schritt aus dem Dilemma.

Männer wie Frauen leiden an der Dysbalance unserer Gesellschaft

Weil jedes System das in Dysbalance ist, auf ALLE Beteiligten Auswirkungen hat. Diejenigen die darunter leiden oder wütend sind, lassen es die anderen spüren. Jede Zuschreibung an eine Gruppierung bedeutet die gegenteiligen Zuschreibungen für die andere Seite.

Wenn Frauen benachteiligt werden, sind die Männer die Gewinner.

Wenn Frauen die Opfer sind, müssen die Männer die Täter sein.

 Wie entkommen wir diesem Kreislauf an Schuldzuweisen und Vorwürfen? Wie treten wir in einen ehrlichen Dialog der ein Miteinander und wirksame Veränderungen zum Ziel hat? 

Woher kommt die ganze Misere?

Klar, jeder weiß, vor langer Zeit waren die Rollenbilder von Mann und Frau deutlich unterschiedlich und es war ganz schön ungerecht.

Die folgende Aussage von Prof. Otto GIERKE (1841 – 1921), Jurist, Rechtshistoriker und Sozialpolitiker ist erst ca. 100 Jahre alt und illustriert das Thema auf anschauliche Weise:

„Weibliche Rechtsanwälte und Notare oder weibliche Richter oder weibliche Staatsanwälte oder weibliche Verwaltungsbeamte? Mit jedem Schritt vorwärts beträte man die abschüssige Bahn, auf der es kein Halt gib, bis die Austilgung des Unterschieds der Geschlechter im öffentlichen Recht erreicht ist. Wer dem geschichtlich bewährten Ideal des männlichen Staates die Treue hält, würde töricht handeln, wenn er ein Zugeständnis machte. Unsere Lage ist ernst. Das deutsche Volk hat anderes zu tun als gewagte Versuche mit Frauenstudium anzustellen. Sorgen wir vor allem, dass unsere Männer Männer bleiben. Es war stets ein Zeichen des Verfalls, wenn die Männlichkeit den Männern abhanden kam und ihre Zuflucht zu den Frauen nahm.“

Soweit und gut zur Bildung und Arbeitswelt. Was die Familie und Beziehungen betraf, sollte die Frau bis weit ins 20. Jahrhundert liebende Gattin und fürsorgliche Mutter sein. Die Erwartungen an den Mann betrafen die Ernährung der Familie und die Entscheidungshoheit über alle familiären Angelegenheiten, was die Kindererziehung betraf, hatte er nur am Rande lobend oder strafend einzugreifen.

Vor allem für die Frauen ein enges und einschränkendes Raster

Nur wenigen Frauen gelang es, diese Einschränkungen zu überwinden und die Muster zu durchbrechen.  Seit Beginn des letzten Jahrhunderts kämpfen Frauen um Gleichberechtigung. Im Gesetz ist sie seit vielen Jahren verankert. Seit Jahrzehnten gibt es unendlich viele Frauengruppen, Gremien zur Frauenförderung und Politik, Mädchenarbeit, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte und vieles mehr. Hier wird auf die Situation der Mädchen und Frauen geschaut, es werden Forderungen gestellt und umgesetzt.

Sind wir nicht endlich angekommen?

Realistisch betrachtet sah es bis vor kurzem so aus:

  • Leichtlohngruppen erlaubten, Frauen 20-30 % Lohnabschlag gegenüber Männern zu machen
  • verheiratete Frauen wurden bis 1976 gesetzlich zur Hausarbeit verpflichtet – sie brauchten die Genehmigung des Ehemannes zur Erwerbsarbeit – und waren zusätzlich zur Hausarbeit zur Erwerbsarbeit verpflichtet, wenn das Einkommen des Ehemannes nicht ausreichte
  • unverheiratete Mütter erhielten das Sorgerecht grundsätzlich nicht, weil sie an einer unsittlichen Handlung beteiligt waren (bis 1970)
  • und ebenso lange erhielten verlobte Frauen, deren Partner sie nach vollzogenem Beischlaf verließen, eine finanzielle Entschädigung.
  • Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar

Einige der Gesetzesänderungen sind noch nicht einmal 40 Jahre her. Rollenbilder, Traditionen und Werte ändern sich nicht zeitgleich mit neuen Gesetzen. Zumal nur ein Teil der Bevölkerung diese vertritt. Die Haltungen und geschlechtsspezifischen Erwartungen, die hinter den bisherigen Gesetzen standen, sind noch über viele Jahrzehnte wirksam, nehmen Einfluss auf unsere Beziehungen und die Gestaltung unserer Lebensentwürfe.

Frauen galten lange nur durch die Mutterschaft als vollwertige Frau und Kinder als ihr Lebenssinn. 

Auch heute noch imaginieren wir die Mutter als selbstlos Liebende, die sich in allen Belangen zurückstellt.

Die Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau und die Überhöhung und Idealisierung der Mutterschaft sind mit fatalen Folgen nachhaltig wirksam. Gleichzeitig ist der Status einer ‚Hausfrau‘ und Mutter auf den untersten Stufen der Erfolgshierarchie angesiedelt. Diese Situation grenzt an Schizophrenie und der Umgang damit entwickelt leider manchmal die entsprechenden Symptome.

Paare die auf Augenhöhe antreten, verlieren diese meist in dem Moment der beginnenden Elternschaft

Die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die ungeschriebenen Gesetze und Erwartungen der Arbeitswelt lassen es nur in den seltensten Fällen zu, dass beide Eltern zu gleichen Teilen für die Kinder und die Finanzierung der Familie sorgen. Sehr schnell geraten alle unter Druck und rutschen in Rollen, die sie sich nie hätten vorstellen können. Oder beide merken nach kurzer Zeit, dass ihre Beziehung sich durch diese Konstellation verändert – auch wenn sie sich freiwillig für diese Aufteilung entschieden haben.  Die Unzufriedenheit damit betrifft meist beide Seiten.

So korrumpiert das bisherige System alle Beteiligten und lässt sie als Verlierer zurück. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft gilt nur der etwas, der Erfolg hat. Sich dem zu entziehen ist nur schwer möglich. Wie man als Nur-Mutter behandelt und gesehen wird, habe ich erlebt. Es kann durchaus Anlass für Wut oder ein Ringen um Wertschätzung zur Folge haben.  Die Frau muss also eine gute Mutter sein. Auch deshalb nimmt der Wettbewerb unter Müttern um das intelligenteste, begabteste und bestgeförderte Kind manchmal groteske Ausmaße an.

Und die Auswirkungen auf die Väter?

Erst diese Woche sprach ich mit einem Vater, der sich liebevoll um sein Baby kümmert und dennoch die ganze Zeit das Gefühl hat, in den Augen seiner Frau alles falsch zu machen.

Er wäre gerne lange mit dem Kind zusammen und würde Elternzeit nehmen. Sein Gefühl der Ungerechtigkeit ist genauso stark und auch seine Wünsche und Bedürfnisse bleiben unerfüllt.

Wenn Partner und Eltern dann aus den verschiedensten Gründen scheitern, werden diese Unzufriedenheiten zu Geschossen. Die Verletzungen, unerfüllten Bedürfnisse und die mangelnde Anerkennung der eigenen Leistungen in diesem Konstrukt werden überdeutlich.

Die Mutter hat beruflich zurückgesteckt und sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert – ihre Karrierechancen sind deutlich geschmälert. Und selbst wenn sie keine Karriereambitionen hatte und gerne Zuhause ist, muss sie sich dafür rechtfertigen und ihre Hausfrauentätigkeit bleibt nicht anerkannt. Der Vater war dem Druck ausgesetzt genug zu verdienen um den Lebensstandard zu gewährleisten und hat deshalb auf viel Zeit mit seinen Kindern verzichtet. Die verlorene gemeinsame Zeit ist nicht mehr nachzuholen.

Die Folgen?

Ich möchte hier einen Mann zitieren, der uns folgendes geschrieben hat:

„Kann es sein, dass sich Männer unter Stress eher an materielle Sicherheiten klammern anstatt soziale Sicherheit zu suchen? Oder dass jeder, Mann wie Frau, sich in unsicheren Zeiten eher auf das zurückzieht, was ihm leichter fällt, anstatt mutig Neues zu wagen?
Leiden nicht viele darunter, dass sie alle Rollen zugleich ausfüllen sollen oder wollen?
Ausgehend davon, dass nach Trennungen mehr oder weniger bewusste Machtspiele stattfinden:

Wenn Männer mit Geld spielen, womit spielen dann Frauen?“

Was würde helfen? Forderungen nach Unterstützung für die eine oder andere Gruppe in finanzieller Hinsicht, Verbesserungen in der Kinderbetreuung, neue Gesetze zur Gleichberechtigung, Veränderung in den Firmenpolitik – alles gut und schön. Aber auch sehr kurz gegriffen und gedacht. Und wenn wir den Blick etwas weiten:

Wollen wir nicht eigentlich alle dasselbe?

Jeder halbwegs ’normale‘ Mensch (schon das normal müsste seitenlange Definitionen nach sich ziehen, ich würde im vorliegenden Fall um es abzukürzen ’normal‘ gerne mit der Mehrheit der Bevölkerung gleichsetzen) wünscht sich ein Leben mit Teilhabe. Teilhabe an der Gesellschaft und sinnvolle Aufgaben, in denen er sich selbstwirksam erlebt. Wir möchten  unser Potenzial entfalten und Zeit haben für uns, für die, die wir lieben, für das was uns erfüllt und Freude macht. Eine echte Veränderung und eine Befreiung von alten Rollenmustern wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Menschen in unserem Land.

Eigentlich wäre genau das möglich. Es ist genug für alle vorhanden. Jede und jeder könnte das Recht haben, in und von unserer Gesellschaft versorgt zu sein. Was er darüber hinaus für die Gesellschaft und sich tun möchte, steht ihm frei.

Ich bin sicher, dass nahezu alle Menschen die in einer Gesellschaft mit dieser Form der Angenommenheit und Wertschätzung aufwachsen, ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten möchten.

Bis dahin wäre ein großer Schritt, für Erziehende von Kindern zwischen ein bis drei Jahren ein Grundeinkommen einzuführen, Eltern steuerlich angemessen zu entlasten oder Familien umfangreich zu unterstützen.

Carmen


„Du armes Opfer“

Das Totschlagargument.

Das bloße Benennen von Ungerechtigkeiten oder Missständen reicht oft schon aus um zum Opfer stilisiert zu werden. So kommt kein Dialog zustande. Durch alleiniges Jammern aber auch nicht.

Gerade in der Geschlechterdebatte und rund um den ersten Austausch zu unserem Blog taucht er immer wieder auf – der Begriff: Opfer. Ausgehend davon dass der Feminismus seine Hoch-Zeit hinter sich hat ist er einfach nicht mehr en vogue. Männer haben es satt ständig schuld zu sein, Frauen wollen nicht in die Jammerecke gestellt werden. Dass wir gerade deshalb weiter an gerechteren Bedingungen arbeiten müssen um aus dem Täter-Opfer-Kreislauf aussteigen zu können wird dann – ja was – vergessen?

Ausnahmslos alle Frauen (auch die Alleinerziehenden) hatten im Gespräch zu diesem Blog große Angst davor, den Männern zu sehr auf die Füße zu treten und den Opferstempel aufgedrückt zu bekommen.

Männer sind aber durchaus auch „Opfer“ dieser Rollenbilder

Dann nämlich, wenn sie als Familienväter den Druck verspüren, alleine die ganze Familie versorgen zu müssen. Wenn sie als unverheiratete Väter das gemeinsame Sorgerecht für ihr Kind einklagen müssen. Wenn sie als Trennungsväter ihre Verantwortung wahrnehmen und sich um ihre Kinder kümmern wollen, der Familienrichter ihnen aber nur ein Besuchsrecht zugesteht, da die Kinder ja „zu ihren Müttern gehören“.

Es gibt immer weniger Frauen und erst recht keine Männer, die gerne als Opfer dastehen möchten. Wenn das „Zur Diskussion-stellen“ von Ungerechtigkeiten schon direkt auf dem Kipplader landet, der zur Opfermüllhalde fährt, trägt das zu einer Zementierung der Zustände bei. Dabei brauchen wir beide (Leidens-) Sichtweisen.

Empathie und Selbstreflexion sind angezeigt – und ja: Weiterhin das Benennen von Missständen und Ungerechtigkeiten

Wir brauchen einen offenen und ehrlichen Austausch gerade für ein besseres gegenseitiges Verständnis und für das Aufweichen bestehender Konstrukte. Das beinhaltet: Reden. Einander zuhören, sich in sein Gegenüber einfühlen, reflektieren. Gegebenenfalls eigene Verhaltensweisen ändern. Und dann: Gemeinsam an einem Strang ziehen! Solange Frauen mit Männern und umgekehrt streiten freut sich nämlich oft der Dritte: Vater Fiskus. Der muss sich dann weniger um die unbequeme Steuererhöhung für Wirtschaft und Superreiche zur Entlastung der Bedürftigeren kümmern.

Wenn wir aber gemeinsam an beiderseitiger Gleichstellung und echter Familienförderung arbeiten, uns gemeinsam an den „Dritten“ wenden, können wir vielleicht etwas erreichen. Im Idealfall entlastende Bedingungen für beide Seiten.

Solange auf Männern der gesellschaftliche Druck lastet, alleine die Familie versorgen zu müssen – solange werden auch Frauen schlechter bezahlt, denn diese „müssen das ja nicht“

Es wird natürlich auch umgekehrt ein Schuh draus: Solange die Frauen schlechter verdienen, bleiben sie im Zweifelsfall auch mehr und/oder länger zu Hause bei den Kindern und der Mann muss arbeitsmäßig ran.

Ein erster Schritt wäre das Grundeinkommen für erziehende Elternteile. Ein zweiter Schritt die steuerliche Besserstellung unverheirateter Paare sowie diejenige zweier Teilzeit arbeitender Eltern. Selbstverständlich muss sich jedes Paar und jede Familie selbst für sein „Modell“ entscheiden dürfen. Entscheidend ist: Dass es die Wahlfreiheit gibt.

Anja


4 Männer-Probleme

Von Zapfsäulen, Rüsseln, Autoschraubern und Frauen die ein Auto tanken

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Gefunden in den ebay-Kleinanzeigen von unserem ersten Follower Jörk alias Anda Luz. Danke!

Was auch immer uns Männerheldinnen zum Thema Beziehung, Gleichberechtigung und Wertschätzung einfällt – das  echte Leben ist  an verrückten Geschichten nicht zu toppen!

Verkaufen „unseren“ VW Touran. Meine Frau fährt die Karre fast zu 95%, hat allerdings nie einen Unfall gehabt – das ist das einzige was ich hier lobend erwähnen möchte, also der Touran ist Unfallfrei!

1. Problem!
Allerdings hat meine Frau (wir hatten das Auto gerade 4 Wochen) falsch getankt, Benzin statt Diesel. Und ich weiss nicht wie sie darauf kam, aber sie hat es – nachdem sie den Motor startete – tatsächlich gemerkt! (ADAC -> Fachwerkstatt -> alle Leitungen reinigen lassen -> alle Filter getauscht = richtig teuer!!!) Das ist jetzt 3 Jahre her, trotzdem läuft die Karre einwandfrei.

2. Problem!
Ich bin kein Autoschrauber, aber dass man an einer roten Ampel (besonders wenn man in einer Stadt wohnt und ständig rote Ampeln sieht) die Kupplung nicht unbedingt dauerhaft treten sollte und den 1.Gang eingelegt lässt, konnte ich mir denken.
Meine Frau hat allerdings über 2,5 Jahre, bei täglich mehreren minutelangen Wartezeiten an roten Ampeln, die Kupplung getreten und damit die Kupplungsscheiben auseinandergepresst (ADAC -> Fachwerkstatt -> komplett neue Kupplung eingebaut = richtig, richtig teuer!!!).

3. Problem!
Wir wohnen in einer Stadt (Schule um die Ecke, Supermarkt um die Ecke, Arbeit um die Ecke) und meine Frau kriegt es hin, im Jahr 22.000 KM zu fahren. Ich hab keine Ahnung, ich weiss nicht wo sie hingurkt…aber ich weiss dass es von mir ein riesen Fehler war, meiner Frau einen Diesel für Kurzstreckenfahrten zu kaufen.
Letzten Endes ist es immer mal notwendig den Partikelfilter frei zu brennen, das geht natürlich bei Strecken von 4-7 KM im Alltag schlecht.

4. Problem!
Wir haben natürlich auch ein Kind, sonst braucht man keinen Touran. Und ich hab dem Bengel 4000 mal gesagt, er soll beim Einsteigen aufpassen!!!! Das hat er natürlich nicht immer gemacht (Was hat schon der Alte zu melden?!). Kleinere Kratzer im Bereich der Hintertür rechts. Nichts dramatisches – trotzdem regt mich sowas richtig auf!!!

Der Wagen ist ein 7-Sitzer, wir haben ihn als Jahreswagen mit 9000 Km Laufleistung gekauft. Er wurde vorher von einem VW-Mitarbeiter in Wolfsburg gefahren und in dem einen Jahr garantiert vernünftiger behandelt, als in den 3,5 Jahren bei uns.

Auf den Bildern ist er mit Sommerbereifung (Felge VW „Blade“ NP 1000€) zu sehen, momentan sind Ganzjahresreifen draufgezogen. Könnt ihr alles mitnehmen, sonst schmeisse ich sie auf den Sperrmüll.
Ich will mit der Karre nichts mehr zu tun haben, meine Frau kriegt irgendeinen kleinen Benziner den sie gegen ’ne Laterne fahren kann, interessiert mich dann alles nicht mehr.
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UPDATE!!!!!
Meine original Anzeige existiert nicht mehr – ebay-Kleinanzeigen hat die Anzeige gelöscht. Ich hatte 250.000 Klicks, viele Angebote und habe hunderte Mails bekommen (siehe Scrennshots in der Galerie). Viele wollten mir ein Getränk (nennen wir es mal „Milch“) ausgeben. Aber man verstößt gegen die Geschäftsbedingungen wenn man hier im Text gewisse Sachen reinschreibt, das verstehe ich ja auch…
Mal gucken, bestimmt fliege ich hier als nächstes wegen Ehrlichkeit raus!
Will hier nur mein Auto verkaufen – mehr nicht!! Und soll ich hier etwa rumlügen? Soll ich reinschreiben dass an der Zapfsäule einfach Benzin aus dem Rüssel kam, „obwohl“ groß DIESEL drauf stand??? Und dass das Kupplungspedal einfach selbst an ’ner roten Ampel nach unten klappt und deswegen die Kupplung irgendwann ’ne Grätsche gemacht hat…???
Ich würde als Kunde so kotzen wenn ich mir ein Auto angucken will, erst noch 200 Km hinfahren muss und vor Ort sagt mir der Verkäufer dass da doch „ein paar Kleinigkeiten“ waren!
Wer mir immernoch eine Flasche Milch ausgeben will, kann auf mein „Whatsapp-Status“ gucken, da steht wie das geht (meine „Lieblingsmilch“ kostet im REWE-Getränkemarkt so um die 85 Cent). Sollten es so viele sein und jemand damit die 15.000 Euro-Grenze knacken, schenke ich ihm das Auto.

Für alle die das nicht für möglich halten …. hier geht`s zur Original-Anzeige


Eigentlich hatte der Feminismus doch schon gesiegt.

Die Welt schien ja wie von selbst gerechter zu werden.

schreibt Kristina Maroldt* in ihrem Artikel ‚Koalition gegen Frauen‘. Ich verschlucke mich mal wieder an meinem Frühstücks-Cappuccino.

Bin ich Dornröschen?

Hab ich länger geschlafen als gedacht? Wie kommt es, dass ich das nicht bemerkt habe?

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Ich huste etwas, trinke noch einen Schluck und schaue über meine Frühstückslektüre nachsinnend aus dem Fenster. An dem Satz, dass wir in verschiedenen Welten leben, ist doch mehr dran als ich dachte. Den Eindruck, dass der Feminismus schon gesiegt hat und wir die alten Muster überwunden haben, hatte ich wahrlich noch nie. Wie kam Frau Maroldt auf diesen Gedanken? Und muss ich Donald Trump und Recep Erdogan jetzt dankbar sein, dass sie sie zum Umdenken bewogen haben?

Aber sie ist ja nicht allein – es gibt viele, die jetzt staunend vor den weltweiten Entwicklungen stehen. Sie sind schockiert von den sexistischen und frauenverachtenden Aussagen des EU Abgeordneten Korwin-Mikke: „Weil Frauen schwächer, kleiner und weniger intelligent sind, müssen sie weniger verdienen.“, von Donald Trump, der über die TV-Moderatorin Rosie O“Donnell sagte: „Rosie ist ekelhaft – innen und außen. Wenn du sie anschaust, ist sie eine Gammlerin. Wie hat sie es überhaupt ins Fernsehen geschafft? Wenn „The View“ mir gehörte, würde ich Rosie feuern. Ich würde ihr direkt in ihr fettes, hässliches Gesicht schauen und sagen „Rosie, du bist gefeuert.‘ Wir sind alle ein bisschen pummelig, aber Rosie ist noch schlimmer als die meisten von uns. Aber es ist nicht ihre Pummeligkeit – Rosie ist eine sehr unattraktive Person, innen und außen.“. Sie wundern sich über die Aussagen des türkischen Präsidenten Recep Erdogan, der die Gleichstellung von Frau und Mann als unnatürlich und „gegen die Natur“ ablehnt und Frauen vor allem als Mütter mit mindestens drei Kindern sehen möchte. Und sie sind verblüfft, dass gewählte deutsche  Politiker wie Björn Höcke von der AfD  sich wünschen, dass

Deutschland lieber nach Männlichkeit als nach Gleichstellung streben solle

und die Frauenquote mit dem Satz „… schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen, zu beenden…“ ablehnt.  Erschütternd nehmen sie die Beleidigungen wahr, die als Shitstorm – inklusive Vergewaltigungsfantasien – über Claudia Neumann hereinbrachen, nachdem sie als erste Frau ein EM-Fußballspiel im ZDF kommentiert.

Ich für meinen Teil bin nicht erstaunt. Persönliche Erlebnisse und die Aussagen einiger mächtigen Männer der letzten Jahre legen nun wirklich nicht den Gedanken nahe,  dass wir Frauen beruflich auf Augenhöhe angekommen sind und Chancengleichheit herrscht. Oder wie soll ich es verstehen wenn Esko Kiesi, ein Audi Manager von sich gibt: „Das Aussehen eines Autos hängt stark von den Rädern und der Aufhängung ab. Bei einer Frau sind es die Schuhe.“,  “Technische Jobs können Frauen ohne die Hilfe eines Mannes ohnehin nicht bewältigen” und “Weigert sich eine Frau, zu bügeln und sauberzumachen, wird der Beziehung bald die Luft ausgehen.”

Oder wenn Gerhard Cromme, 2008, seiner Zeit Chef des Aufsichtsrats von Siemens und ThyssenKrupp bei einem Vortrag für 200 Frauen erklärt: „Wissen Sie, meine Damen, ein Aufsichtsrat ist kein Kaffeekränzchen.“

Unmissverständlich fand ich auch Kevin Roberts, 2016, Verwaltungsratchef von Saatchi & Saatchi mit seiner Aussage:

„Frauen haben keine ›vertikalen Ambitionen, sondern Ambitionen, glücklich zu sein“

und Clemens Börsig, 2001, damals Finanzvorstand der Deutschen Bank: „Frauen sollten nicht nur vertikal, sondern auch ›horizontal‹ Ambitionen entwickeln“.

Ja, wie sollte ich da jemals denken können, dass die Welt wie von selbst gerechter geworden sein soll? Weil tatsächlich einige aufgrund ihrer Entgleisungen Konsequenzen zu tragen hatten? Es stimmt, früher blieben solche Äußerungen folgenlos. In diesen Fällen beruhten die Folgen aber doch nicht primär auf der Einstellung der Manager in dieser Thematik, sondern darauf, dass sie den Fehler begangen hatten, diese öffentlich kundzutun. Es ist doch keineswegs so, dass diese Männer jemals anders gedacht hätten, oder dass ihre Haltung bezüglich Frauen ihren Konzernen, ihrer Umgebung und dem Vorstand nicht bekannt gewesen wäre. Denn wie man zu Chancengleichheit und Wertschätzung von Frauen im Beruf steht, welche Kräfte man fördert und befördert,  wird im täglichen Verhalten und in allen Entscheidungen sichtbar. Sie wurden ‚abgestraft‘, weil durch sie offenkundig wurde, nach welchen Kriterien und Werten in diesen Konzernen entschieden wird.

Und unter diesen Haltungen leiden keineswegs nur Frauen. Was solche Manager von ihren männlichen Mitarbeitern erwarten und wie in ihren Augen erfolgreiche Führung aussieht, ist auch für viele Männer ein Greuel. Auch sie werden in Rollen und Muster gepresst die ihre Wahlfreiheit im Leben einschränken. Denn wenn Männlichkeit bedeutet ein harter Knochen, Verdiener und Ernährer, Macher und jederzeit stark zu sein, fällt ‚Mann‘ schnell durch das Raster.

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Für viele Menschen wäre es ein großer Gewinn an Freiheit, wenn diese Vorurteile der Vergangenheit angehören würden. Leider sind diese sexistischen Äußerungen nur die Spitze des Eisbergs.  und an vielen Entscheidungspositionen treffen wir auf ähnliche Haltungen.

Durch die gesellschaftlichen Weltmeere dümpeln noch eine Menge ähnlicher Rollenzuschreibungen und Haltungen die vielen Frauen im Berufsleben tagtäglich begegnen.

Denn ich bekomme noch eine weitere Gelegenheit mich zu verschlucken. Am selben Tag berichtet die Journalistin Nadine Funk* über den Kampf einer Frau um Lohngerechtigkeit. Edeltraud Walla bekommt 1.200 EUR (in Worten: eintausendzweihundert!) weniger Lohn als ihr Kollege, der zudem geringer qualifiziert ist. Eine sinnvolle Erklärung bekam sie im Gegenzug auf ihre Anfrage nicht. Sie klagte bis zum Bundesverfassungsgericht, wurde aber im Juni 2016 nach zwei Jahren ohne Begründung abgewiesen. Schon einmal war ihr ähnliches passiert. Im Jahr 1984 verdiente sie bei gleicher Arbeit ebenfalls weniger als ein Kollege. Damals waren es 500 Mark und es gab sogar eine Begründung. Der zu dieser Zeit ledige männliche Kollege würde irgendwann einmal eine Familie ernähren müssen. Daraufhin wechselte sie den Beruf – was offenbar nicht wirklich erfolgreich war.

Und ganz ehrlich: diese Strategie wird wohl in nur wenigen Berufsfeldern funktionieren. Laut dem Statistischen Bundesamt liegt der durchschnittliche Bruttolohn von Frauen 22 % unter dem der Männer. Das geringere Einkommen hat große gesellschaftliche Bedeutung. Denn weniger Geld bedeutet weniger Einfluss, weniger Entscheidungshoheit, weniger Relevanz, weniger gesellschaftliche Macht, weniger Entfaltungsmöglichkeiten.

Selbst dort, wo man sich die Aufdeckung von gesellschaftlichen Missständen auf die Fahnen geschrieben hat und mit der Kunst Veränderungen schaffen will, greifen die althergebrachten patriarchalen Muster von unterschiedlicher Bewertung der Arbeit und Entlohnung.

„So stammt gerade mal ein Viertel der in Galerien ausgestellten Werke aus dem Œuvre einer Künstlerin. In deutschen Kunstmuseen liegt dieser Anteil sogar nur bei geschätzten zehn bis 15 Prozent. 85 Prozent der Kino- und Fernsehfilme werden von Männern inszeniert, obwohl 42 Prozent der Absolventinnen und Absolventen im Fach Regie Frauen sind. 73 Prozent der in Kulturorchestern Beschäftigten sind männlich, obwohl 51,5 Prozent der Absolventinnen und Absolventen im Fach Orchestermusik Frauen sind. An künstlerischen Hochschulen liegt der Anteil der Professorinnen bei nur 25,5 Prozent, obwohl über 50 Prozent der Studierenden weiblich sind. Und spartenübergreifend gilt: Frauen verdienen deutlich weniger als Männer und sind seltener in Führungs- und Leitungspositionen vertreten.“*  (Monika Grütters, Politik&Kultur Nr. 4/2016, S. 1)

Und aus unserem Alltag: erzählte uns Männerheldinnen doch kürzlich die Schauspielerin eines Landestheaters in Baden-Württemberg, dass herausgekommen sei, dass alle Frauen des Ensembles weniger auf dem Gehaltszettel stehen haben, als ihre männlichen Kollegen. Dass sie sich mit dieser Erfahrung nahtlos in die Riege der großen Hollywoodstars einreihen, ist sicher nur ein schwacher Trost. Ein sehr viel positiveres Signal setzten ihre Schauspielkollegen.

Die Schauspielkollegen beschlossen auf die anstehende Gehaltserhöhungen zu verzichten, bis die Frauen ihnen gleichgestellt sind.

Chapeau und Hochachtung!

Bestätigen und ergänzen kann ich das mit zwei ’netten‘ Beispiele aus meinem beruflichen Alltag.

Vor einigen Jahren plauderte der Vorstandsvorsitzende einer Bank auf meiner Vernissage freundlich mit mir. „Ihre Bilder sind wirklich großartig. aber wissen Sie, ich befürworte dann doch die Ankäufe von ihrem männlichen Kollegen. Wir haben schließlich auch soziale Verantwortung und die Männer müssen ja ihre Familie ernähren.“ Kurz habe ich erwogen ihm mitzuteilen, das besagter Kollege eine Frau hat, die wesentlich mehr verdient als mein Mann. Leider brauchte ich einige Sekunden zu lang um das Gehörte soweit zu verarbeiten, dass ich wieder imstande war zu atmen, meine Emotionen im Griff zu haben und mit einem gelassenen Lächeln einen verständlichen Satz zu formulieren. Da war er mit seinem perlenden Sektglas und gewinnendem Lächeln schon zum nächsten Smalltalk weitergeschritten.

In die Zeit fällt ein ähnliches Erlebnis. Bei der Präsentation von Entwürfen in einer renommierten Textilfirma ließ sich alles gut an. Der Produktmanager (Alter 60 +) erwog den Kauf einiger Designs. Flankiert von seinen zwei jungen Assistentinnen sprach er jovial väterlich mit mir über die Branche und auch die Firma, bei der mein Mann arbeitete. Kalt erwischte er mich dann allerdings mit der Frage:

„Verdient ihr Mann eigentlich nicht genug, dass Sie das hier machen müssen?“

In den folgenden Jahren habe ich sehr viele ausgezeichnete Antworten und Reaktionen auf diese Frage gefunden. Leider hat er keine davon je zu hören bekommen. Seine Bemerkung verschlug mir die Sprache. Peinlich war die Situation allerdings nur uns Frauen: Den Assistentinnen, die nicht mehr wussten wohin sie schauen sollten und mir, die ich nicht wusste, ob ich meine Sachen einfach zusammenraffen und einen rauschenden Abgang hinlegen oder doch noch auf einen Verkauf spekulieren sollte.

Die Fassungs- und Sprachlosigkeit angesichts solcher Dreistigkeit habe ich seither überwunden. Man wächst ja mit seinen Erfahrungen. Da gibt es allerdings noch einen klitzekleinen Haken. Souveräner zu reagieren fühlt sich zwar sehr viel besser an, leider ist das Ergebnis dennoch kein anderes. Denn trotz gelassen angemessener Reaktion, wird der Entscheidungsträger sich nicht ändern.

Wo solche Männer sitzen, hat ‚Frau‘ keine Chance. Der befriedigendere ‚Abgang‘ ist eben ein solcher.

Meist sind die Vorgänge weit subtiler. Denn in den seltensten Fällen wird die Einstellung so unverschämt deutlich formuliert wie oben beschrieben. Sehr viel öfter stößt man als ‚Frau‘ an Barrieren, die man in Gesprächen, der Zusammenarbeit, bei der Übertragung von Verantwortlichkeiten und Bewerbungen zwar unterschwellig wahrnimmt, aber nicht benennen kann, ohne sich in eine ungeheuer schwache Position zu manövrieren. Denn die Gefahr, dass man sofort in die Schublade der ‚Frauen, die sich zum Opfer stilisieren‘ eingeordnet wird, weil sie nicht weiterkommen, ist groß. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit die stattfindende (gefühlte) Diskriminierung beweisen zu können gering. Die Strukturen und Methoden sind fein und die Netzwerke und Seilschaften dicht.

Einen wunderbaren Einblick gibt das Interview von Inge Kutter auf Zeitonline mit dem Karriereberater Martin Wehrle. Er macht nicht nur sehr deutlich, dass das Berufsleben und die Karrierechancen von Frauen für Männer ein Skandal wären, sondern sagt ganz klar: 

„Wir beurteilen Verhalten nicht an sich, sondern nach dem Geschlecht. Deswegen haben Frauen es so schwer.“

Besonders eindrücklich sind seine Beispiele aus der Praxis: Wie das von dem Mittelständler, der gerne mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollte, noch nie eine weibliche Assistentin hatte und sich wunderte, dass sich kaum Frauen bei ihm bewerben. Tja, die sortierte seine Sekretärin nämlich aus, weil sie wusste, dass er: „… eine florierende Aufzucht männlicher Alphatiere betrieb.“ wie Wehrle das beschreibt. „Wenn solche Herren Zigarre rauchend in ihren Runden sitzen und über Frauenförderung reden, ist das, als sprächen Alkoholiker über ein Alkoholverbot.“

Welchen Anteil haben wir Frauen daran?

Selbstverständlich sind wir Frauen ein Teil dieses Systems und erhalten es mit aufrecht. Indem wir vor Verantwortung zurückschrecken, unsicher sind über unsere Fähigkeiten und Kompetenzen, uns zurückziehen anstatt die Dinge freundlich und klar anzusprechen, uns viel zu sehr anpassen als unser Ding zu machen – aber vor allem indem wir die unterschiedlichen Lebensentwürfe anderer Frauen kritisieren und abwerten.

Wohin sind wir unterwegs?

In meinem Berufsleben habe ich mit vielen Männern und Frauen auf Augenhöhe arbeiten dürfen, für die das Geschlecht keine Rolle gespielt hat. Auch wenn die ‚andere‘ Seite nie weg war und gerade wieder etwas lauter wird – es gibt viele die sich für eine Gesellschaft einsetzen, in der Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander leben und arbeiten können, in der sie dieselben Entwicklungschancen haben und ihr Potenzial entfalten können. Profitieren würden alle von dieser Entwicklung. Denn jede Ungerechtigkeit hat Auswirkungen auf beide Seiten.

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Mein Wunsch: Dass alle Frauen und Männer es in unklaren Situationen wagen ihr Unbehagen wahrzunehmen, anzusprechen und gemeinsam nach Lösung suchen.

Nachtrag

Heute hat mich die Nachricht erreicht, dass die männlichen Schauspieler des Landestheaters die Gehaltserhöhung doch angenommen haben. Und das sehe ich nicht als Handlung die gegen die Kolleginnen gerichtet ist. Ich kann das sehr gut verstehen! In einer Branche in der das Geld zum Leben kaum reicht, wäre eine Ablehnung ziemlicher Wahnsinn. Die Lösung liegt sicher nicht darin, dass die einen mit wenig Gehalt für die mit noch weniger Gehalt verzichten. Sondern darin, dass die Entscheider sich bewegen müssen – im Sinne der Gleichberechtigung und grundsätzlich was die desaströsen Gehälter und Honorare dieser Branche betrifft.

* Kristina Maroldt ‚Koalition gegen Frauen‘ Brigitte 3/2017

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„K“ wie Kokolores

Über Romantik, Auf-K-abenverteilung und Sauerstoff

„Mama, kann man eigentlich mehrmals heiraten?“ Mein 5-jähriges Töchterlein macht Hochzeitspläne. „Ja“ sage ich, woraufhin sie erwidert: “Oh cool, dann heirate ich alle Männer und dann gehören alle mir.“ Als ich einwende, dass man sich vorher erst scheiden lassen müsse, findet sie das sehr schade. Ich tröste sie: „Wer weiß, vielleicht ändern sich ja auch die Gesetze bis du erwachsen bist und das ist dann doch möglich“. Ein Aufleuchten im Kindergesicht: „Ok, dann heirate ich zehn Männer!“.

Gemeinsam überlegen wir, was die Spezialitäten der Männer sein sollten: Der eine sollte viele Witze erzählen können, der nächste kaputte Spielsachen reparieren können, usw…..

Schließlich frage ich nach dem letzten Mann, mein Mädi sagt spontan: „Der soll die ganze Zeit immer bei mir sein.“

Oh Kindermund! Ist das nicht genau das, was in unserer sogenannten Rushour des Lebens zwischen 30 und 40 in Paarbeziehungen mit kleinen Kindern entweder nicht mehr möglich, oder gar nicht mehr gewünscht ist, diese Zweisamkeit? Wo soll sie auch stattfinden? Vorbei die Zeit des gemeinsamen um die Häuser Ziehens, vorbei die Zeit der romantischen Nachtspaziergänge. Lernte man sich beim Tangoabend kennen, kann heute nur noch einer alleine dort hingehen, war früher die Sneak im Off-Kino die gemeinsame Leidenschaft, kann sich heute nur noch einer alleine mit einem Film überraschen lassen. Gemeinsame Theaterabende mit after-hour- Analysen im Foyer – passé. Ganz zu schweigen von wilden Partynächten, die – geben wir’s doch zu, uns auch manchmal ein bisschen fehlen… Die Ausnahmen bilden vielleicht einige wenige teure Babysitter-Abende, WENN sich die Kinder dann auch mal von jemand anderem ins Bett bringen lassen.

Sofa, Sofa und nochmals Sofa? Vielleicht ist ein Tatort-Sonntag-Abend pro Woche ganz erbaulich und kuschelig, aber dann?

Auch die tiefgründigsten Gespräche und wildesten Sexualpraktiken entbehren ihrem Reiz, wenn sie in den immer gleichen vier Wänden zu den immer gleichen Kinderschlafenszeiten stattfinden müssen

Sie werden förmlich erstickt. Und so fängt ein jeder an nach Luft zu schnappen. Nach Luft, außerhalb von Kindern, Küche, Karriere und Kleinfamilienwohnung. Auch Partner oder Partnerin, nun hauptsächlich als Kohle-Ranschaffer und Kinderbetreuer agierend, erscheinen womöglich schon ganz grau vor lauter Ks, die sich ja ewig weiter fortsetzen lassen: über Kauflandgroßeinkäufe, Kakabeseitigung, Kindergarten- und Kuchenbackdienste, Katastrophenmanagement, Kinderkutschfahrten, Klamottencheck, Krankenlagerbetreuung, etc… reichen sie hin bis schlussendlich zum „sexy“ Klo putzen.

 Der Gender Care Gap

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Da nun auch heute noch die allermeisten Ks – bis auf das Karriere-K, von den Männern übernommen werden und diese Ks in der Summe und in der Regel einen Seven to nine –Job bedeuten (mit Säuglingen eher seven to seven to seven), liegt die Luftschnapp-Option für diese Männer mit kleinen Kindern bei ungefähr gleich Null. Den Frauen bleibt – ausgehend vom Karriere-K- immerhin noch die Option: „Schatz es wird heute später“. Ob Mittags-, Kaffepause oder after-work-chat mit den Kollegen/innen, immerhin – kleine Inselchen Niemandsland. Außerdem greifen die Damen dann gern auch zum (durchaus berechtigten) Ausgleichsargument: Da sie den ganzen Tag im Büro säßen, bräuchten sie den sportlichen Ausgleich am Abend. Während die Männer weiterhin zu Hause mit den Kindern beschäftigt sind und diese nun auch noch alleine in endlosen Zeremonien ins Bett zu liebkosen suchen, freut sich Frau beim Yoga.

Die meisten Familienväter kleiner Kinder, die ich kenne, die zumindest ab und zu mal ein wenig an der Luft umherflattern dürfen,  erkämpfen sich ihren Sauerstoff so mühsam, dass für diesen Kampf die erkämpfte Menge Sauerstoff direkt wieder draufgeht, wenn nicht das Doppelte. Ein Nullsummen- bzw. Verlustspiel.  Jeder Kubikzentimeter Sauerstoff kostet teuerste Rechtfertigung, sodass Frau ganz nebenbei auch noch im Detail über Pläne und Aufenthaltsort des Mannes während dessen Freiflug im Bilde ist.

Bitter ist für die Männer natürlich insbesondere, dass sie mit wenig Anerkennung für ihren seven to seven to seven – Job rechnen dürfen, während sich die Frauen zumindest hin und wieder in ihren beruflichen Erfolgen sonnen können, wenigstens aber handfesten Mammon aufs Konto bekommen.

Oh pardon, da hat sich ein Fehler ins Programm eingeschlichen:

Liebe Leser, bitte im obigen Abschnitt „Männer“ gegen „Frauen“ austauschen und „Yoga“ gegen „Fußball“

 Aber mal im Ernst, wie liest sich das? Der Gender Care Gap liegt laut aktuellem Gleichstellungsbericht der Bundesregierung immer noch bei 52%. Übersetzt heißt das: Frauen in Paarbeziehungen leisten durchschnittlich 1,5 Stunden mehr Familienarbeit täglich. Zur Familienarbeit zählt quantitativ alles, was für das Paar oder die Familie getan wird, Erwerbs-, Haushalts- und Sorgearbeit. Natürlich liegen diese 1,5 Stunden Mehrarbeit der Frauen in der unbezahlten Sorgearbeit. In Familien mit Kindern liegt der Gender Care Gap bei 83,3%. Doch selbst in kinderlosen Paarbeziehungen ist er mit 35,7 % bereits erstaunlich hoch.

Meine Freundin beugt dem heute schon vor. Vor kurzem sagte sie zu ihrem mittlerweile langjährigen Freund, mit dem sie (noch kinderlos) zusammenwohnt und studiert: „Ich möchte dass wir uns verabreden wenn wir den Abend gemeinsam verbringen wollen. Wenn wir nicht verabredet sind möchte ich nicht wissen wo du bist und ich werde keine Rechenschaft darüber ablegen wo ich bin und was ich tue.“ Der Freund war spontan perplex und begeistert. Weg war sie, die Erwartungshaltung, jeden Abend nach Hause zu „müssen“, weg war das schlechte Gewissen bei eigenen Interessensverfolgungen, weg war das Zuständigkeits- und Verantwortungsgefühl für den anderen. Seltener wurde die gemeinsam verbrachte Zeit, aber frisch, froh, frei und wieder prickelnd gestalteten sich ihre Verabredungen.  Sie hatten sich plötzlich wieder viel zu erzählen und bereicherten sich gegenseitig. Nur einmal sagte der Freund: „Kann es sein dass du nicht mehr für mich einkaufst?“. „Ja“ sagte meine Freundin, „meistens esse ich abends nur eine Kleinigkeit und habe bisher oft nur für dich noch etwas „Richtiges“ besorgt. Wenn ich aber gar nicht weiß wo und wie du den Abend verbringst, warum sollte ich für dich einkaufen?“. Der Freund nickte und schwieg. Noch haben sie keine Kinder. Wird meine Freundin dann in den ersten Monaten, Jahren überwiegend auf ihren Sauerstoff zugunsten des Säuglings verzichten, wünsche ich ihr eine kampffreie Rückeroberung der Atemluft. Oder wenigstens 50% des zugegebenermaßen erheblich geschrumpften Gesamtstoffes. Sodass sich das Paar weiterhin auf Augenhöhe und gleichermaßen (un-) bzw. ausgeglichen begegnen kann.

Oder wir plädieren eben doch für den Gesetzesentwurf meiner Tochter: Jede Frau sollte 10 Männer heiraten dürfen. Einen für jedes K. Das würde dann umgekehrt natürlich auch gelten!

Anja

 

Aus dem zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung:

„(Fehl)anreize in Paarbeziehungen

Die Aushandlungsprozesse in Paarbeziehungen in Bezug  auf  Arbeitsteilung  sind  beeinflusst  durch  steuer-  und  sozialversicherungsrechtliche Regelungen,  die  zum  Teil  starke  Anreize  zur  Spezialisierung  auf  Erwerbs- oder Sorgearbeit, jedenfalls in Ehen und Eingetragenen  Lebenspartnerschaften,  setzen.“

Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten

http://www.gleichstellungsbericht.de